Federzeichnung : Zeichnen lernen mit Feder

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Sie tropft, kratzt und treibt mich in den Wahnsinn, was soll ich sagen , ich lieb sie halt….

(Kommentar von meinem Mann, unerhört blöd grinsend, ja Schatz, so geht es mir auch! Frechheit! )

Die Federzeichnung ist wie viele Dinge aus der Mode. Der Zeitgeist rottet vieles aus, erst später begreift man, dass es doch gut ist.

Im Mittelalter galt Senfrauke als Aphrodisiakum, sollte Männer ganz schön auf Trab bringen, hat wohl doch nicht so geholfen und nun verkaufen uns die Italiener Jahrhunderte später die gute alte Senfrauke als Rucola.

Das was wir machen ist purer Zeitgeist und so ist es auch mit unseren Stiften.

Das letzte Jahrhundert war das Jahrhundert der Rationalisierung, Massenproduktion und Fließbandarbeit, das war Zeitgeist. 

Und so definierten unsere Opas die Kunst, die Grundidee des Bauhauses:

Schön ist, was funktioniert. Maßgebend für das Bauhaus-Design ist die Effizienz und Nützlichkeit eines Produktes. Ästhetik und künstlerischer Ausdruck sollen ausschließlich von der Funktion des Produktes geprägt sein.

Man investierte einige Millionen um einen Stift für den Weltraum zu entwickeln, der Kugelschreiber entstand und die Russen nahmen einen Bleistift, einfach geht es auch.

Im Rahmen dieses Zeitgeistes hat sich auch unser Malwerkzeug verändert. Es wurde praktisch. Hat aber auch viel an Ausdrucksstärke verloren. Heutige Füllhalter können keine variablen Linien mehr.


 Federzeichnung? Ist das Sinnvoll?


Klar, wir kennen es nicht besser, wir sind in einer Welt der Kugelschreiber, Filzstifte und billigen Füllhaltern aufgewachsen, also Kinder unserer Zeit. Es ist einfach sauber und präzise, was also will man mehr?

Jetzt möchte ich natürlich niemand aus rein romantischen Gründen empfehlen der nächsten Gans am Teich eine Feder aus dem Hinterteil zu reißen! Zumal die Besitzer dieser eleganten Schreibwerkzeuge auch echt fiese Biester sind.

Was ging uns uns verloren? Ich glaube es ist der spielerische Strich.

In der Kunst muss ein Stich ausdrucksstark sein und da ist ein ordentlicher Strich nur eine von vielen Möglichkeiten und ich liebe den emotionalen Strich!

Und hier kommt die Feder ins Spiel. Eine Feder funktioniert anders, mal kratzt sie, mal tropft sie und das soll besser sein?  Wieso zum Teufel muss alles besser oder schlechter sein? Es ist einfach erfrischend anders!


Das Gefühl für die Linie


Wir suchen ein Kunstmaterial das nicht rational ist, sondern das der Linie das Gefühl zurück gibt. Ein Kunstmaterial das es schafft deine Emotionen auf das Blatt zu bannen!

Das Zauberwort ist flexibel. Wenn man die Feder benützt, kann man mit etwas Übung genau bestimmen wie der Strich wird. Mann kann ganz feine Haarlinien erzeugen die ganz transparent und fast unsichtbar sind oder unglaublich dick und schwarz. Oder mal kann einfach loslegen und die Linie wird erstaunlich emotional, hart und schwarz , es spritzt oder sie ist elfenzart.

Eine Federzeichnung enthält die Emotion deiner Hand. Eine Feder geht mit dir im wahrsten Sinne des Wortes durch dick und dünn.

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Ich finde den Strich, der auf mich reagiert einfach schön.


Ein altes Handwerk! Was muss man wissen?


Als ich beginne das Federzeichnen zu googlen und stelle ich fest es ist eine ausgestorbene Kunst.

Das erste Video was ich google ist eine Freak-show, die meiste Zeit sieht man eine fleischige Hand, aber was die Person macht blieb ein Rätsel.

Es ist sinnig es einfach auszuprobieren, denn das Material ist extrem preiswert.


Das Material für eine Federzeichnung:


  • Federhalter: Es braucht kein Teurer sein, kostet in der Tat nur 3 Euro oder 4 Franken. Achtet drauf das der Federhalter lackiert ist, sonst ist er sofort verdreckt.
  • Glattes Papier.
  • Tinte ist zu dünn! Das kleckert oder hält nicht an der Feder. Tinte kann mit mit Gummiarabicum verdickt werden, besser ist es jedoch mit einer Tusche oder Kalligraphietinte zu arbeiten. Ich benutze Kuretake Zig Sumi Ink. Sumi Tinten, sind extrem schwarze, japanische, dickflüssige Tinten. Sie bekommt man mittlerweile fast überall, weil sie auch in der Kalligraphie extrem gerne benutzt werden. Achtung sie sind nicht wasserfest.
  • Die Feder ist das Wesentliche, sie bestimmt wie stark sich dein Strich in der Zeichnung zeigt. Ich liebe weiche flexible Federn, die ganz leicht auf den Druck der Hand reagieren. Je flexibler die Feder, desto stärker ist die Spreizung der Feder, desto dicker ist der Strich.
  • Ein Lappen und Wasser sind ganz wichtig, das Putzen der Feder ist zwischendurch wirklich nötig.
  • Tusche trocknet lange, Löschpapier kann nicht schaden.

Die Feder:


Ef=extra fein, F=fein, M= Medium, B ist breit, das sagt aber gar nichts, das Wichtigste ist, die Flexibilität der Feder. Ich liebe weiche Federn, jedoch muss sie so hart sein, dass noch ein bisschen Kontrolle da ist. Wichtig ist das die Feder meine Emotion weiterleitet, ich mag zickige Federn, denn auch ich bin nicht total unkompliziert. Je flexibler die Feder desto stärker ist der ist die Spreizung der Feder desto dicker ist der Strich.

Eine weiche Feder macht den Strich lebhaft

Jetzt stellt man mir in den Kursen immer die Frage: „Welche Federn?“

Das ist schwer zu sagen, es kommt ja auf die Art an wie sich deine Hand bewegt. Ich kann also nur aus meiner Sicht schreiben. Aber Federn sind preiswert, maximal 2-5 Euro oder Franken. Da bringt uns etwas ausprobieren nicht sofort an den Bettelstab.

Zebra G: Alle G Federn sind alltagstauglich. Robuste Anfängerfeder, nicht zu weich, denn das ist am Anfang irritierend.

Nikko G: Robust: Ist ein bisschen Fester und deshalb prima für Anfänger. Sie ist praktisch und robust, auf jeden Fall kein Fehlkauf.

Brause EF 66: Weich und viel Kontrast! Sie funktioniert auch mit Wasserfarbe, entzückt guck! Allerdings ist diese Feder eine Zicke!

Leonhardt Principal EF: Die super Feine, extrem flexibel, aber auch ein bisschen heikel. Je dünner die Feder desto leichter kratzt sie.

Hiro Leonhard 41: Spitzname, die Krone: Sehr angenehm und weich in der Handhabung

Achtung! Federn sind Antirost beschichtet, vor dem benutzen vorsichtig schrubben. Mit Putzstein oder Zahnpasta, denn erst dann bleibt die Tusche an der Feder hängen.


Die Federzeichnung: Probier es aus


Das Licht tanzt und die Federzeichnung wirkt meisterhaft.

1.Nutze die dick und dünn Möglichkeit der Feder für Licht und Schatten, zum Beispiel an den Fenstern.
2.Dunkle einige Flächen stark ab, Flächen lassen sich mit der Feder leichter ausmalen.
3. Breche den Strich, das fängt das Licht.

 

Lass die Feder tanzen!

4. Organische Strukturen und Wasser wirken durch den dicken und dünnen Strich besonders lebhaft.

5. Plastische Ornamente durch das dick und dünn der Feder.

6. Mach es lebendig durch Punkte

 

Ich wünsche euch ein wundervolles Wochenende…schlechtes Wetter macht richtig Spaß, wenn man so was Schönes ausprobieren kann.

Liebe Grüße

Tine

Im Dezember veröffentliche ich die Kurse für 2018; und es wird einige Kurse in meiner alten Heimat geben.

Das wer mag kann sich in meinen Verteiler eintragen! Da gibt es dann die Info´s über Wann und Wo: Kontakt

Möchtest du weiterlesen hier gibt es was zu Tinte:

 

Vorzeichnung Zeichenschule Teil 2

 

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Die Vorzeichnung und ihre Tücken


Bei der Vorzeichnung ist ja noch alles klar?! Kennst du das? Du sitzt irre lange an der Vorzeichnung und dann ist sie nicht so wie Du es wolltest?

Wenn Dir das auch so geht, dann habe ich jetzt eine Lösung für dich!

Das Ohne-Detail-Konzept


Wie macht man eine  Vorzeichnung?


Ist doch klar, oder! Oder nicht?

Jeder glaubt er kann vorzeichnen, die meisten Menschen glauben eine Vorzeichnung macht man in der folgenden Art:

Man zeichnet etwas bis ins letzte Detail ganz genau, dann können bei der eigentlichen Zeichnung oder Malerei keine Fehler mehr entstehen. Man fühlt sich viel besser, wenn man vermeintlich keine Fehler mehr machen kann.

Dummerweise bezahlt man das sichere Gefühl mit dramatischen Fehlern. Warum?

Das Augenscheinliche ist, dass man all die Linien und Radierereien nie wieder aus einem Bild heraus bekommt.

Was aber wirklich passiert ist, dass du eine mehr oder weniger gute, fertige Zeichnung erstellst und deren Fehler  die spätere Malerei oder Zeichnung absolut beherrschen.

Denn wir haben keine Vorzeichnung gemacht, sondern ein ganzes und oft fehlerhaftes Bild.

Ich kann es halt nicht besser!?

Oft sind wir nicht halb so blöd wie wir denken, die Fehler entstehen durch die Arbeitsweise, das erzeugt Unfähigkeit! Warum?


Motorik und Proportion: Wie der Mensch bei der Vorzeichnung tickt


Eine Vorzeichnung sollte schnell machbar sein, so das man sie einfach vergisst, wenn sie nicht wundervoll ist.

Was gehört rein in eine Vorzeichnung?

Die wichtigste Anforderung ist meistens die Proportion und der Entwurf. Niemand will das unsere Bilder scheußlich oder falsch aussehen, also muss unsere Arbeitsweise bei der Vorzeichnung zumindest dies garantieren.

Unsere Arbeitsmethode passt nicht zu der Software in unserem Kopf.

Die Welt ist voll mit Dingen, deshalb springen wir in unseren Vorzeichnungen hin und her. Wir springen von der Form und Proportion ins Detail, also zum Beispiel von der Perspektive eines Hauses zu den Fenstern.

Und du kannst es ruhig zugeben, du machst es bestimmt!

Dann passiert dies in unserem Kopf:

Das Gehirn braucht seinen Speicherplatz für die Aufgabe Fenster. Es vergisst all das, was wir uns zur Proportion erarbeitet haben, es wird all unser Wissen im Kurzzeitgedächtnis gnadenlos löschen, denn wir arbeiten jetzt an etwas anderem.

Das ist kein Fehler des Gehirns, so arbeitet nun mal unser Computer im Kopf. Unnötiges wird rausgeschmissen, eine reine Ordnungsmaßnahme.

Schnick-Schnack Vorzeichnungen machen dich schlecht, weil sie alle wichtigen Informationen im Kurzzeitgedächtnis löschen.

Malst du zu viele Details in deine Vorzeichnung, dann löschst du jedesmal alle Erkenntnisse zur Proportion. Deine Vorzeichnung wird viel,viel schlechter als als du es eigentlich kannst.

Der erste Arbeitsschritt ist die reine Proportion, willst du Details in einer Vorzeichnung dann sind sie der letzte Schritt.

Vorzeichnung heißt auf das Wesentliche reduzieren und Details dann später hinzufügen.

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In der Vorzeichnung des Bildes von oben, ist nur das Wesentliche, die Grundformen, der Entwurf und noch einen Fluchtpunkt markiert.


Der Unterschied zwischen Vorstudie und Vorzeichnung


All das was wir normalerweise in Vorzeichnungen machen, macht man als Thumbnails, das sind kleine Zeichnungen die in rasender Geschwindigkeit erzeugt werden. In diesen Zeichnungen schert man sich nicht um die richtige Proportion oder hübsches Aussehen, man testet ob das klappt was man will.

Wofür macht man Vorstudien:

  • Bildentwurf
  • Licht und Schatten
  • Farbstimmung
  • Schwierige Details

Man testet, lässig und super schnell, es geht nicht um super hübsch, sondern um das Wissen was ich brauche. Die Frage ist: Wie wirken meine Ideen im späteren Bild zusammen.

Die Vorstudie dient zum Schauen ob die eigenen Ideen zusammenarbeiten .

Bei einer Probe im Theater steht der Held ja auch noch im Jogginganzug da 🙂

Vorstudien haben nichts in einer Vorzeichnung zu suchen, denn alle Fehler dieser Studien befinden sich dann in unserem Bild.


Vorteile von Vorstudien


Lustigerweise werden Vorstudien fast nie gemacht und das mit dem Argument:

Ich hab keine Zeit!

Dabei sparen kleine schnelle Vorstudien total viel Zeit, denn sie ersparen dir Schwitzen, Angst und Panik im Bild.

All die Probleme, die sonst in Bild oder Vorzeichnung auftreten, kennst du nach einer schnellen Studie schon, das macht dich locker.

Seelenfrieden ist ein enormer Gewinn. Noch toller ist, dass wir Fehler machen dürfen und verschiedenen Varianten durchspielen, was Zeichnungen dann oft einfach brillant macht.


Relaxen im Kunstwerk


Aus Skizzen und Vorstudien lernt man so richtig viel, sie sind das Mittel zum Malen lernen.  In Vorzeichnungen hat dies aber nicht zu suchen. Das macht man vor der Vorzeichnung!


Summary: Worauf müssen wir bei der Vorzeichnung achten


Ganz wichtig ist das deine Vorzeichnungen so einfach und schnell sind, das du dir mehrere erlauben kannst. Es ist einfach sinnlos viel Zeit und Liebe in eine Zeichnung oder Malerei  zu stecken, die von Anfang an ein wenig verdorben ist.

Ohne Details garantierst du den Blick auf das Wesentliche

Zeichne ganz in Ruhe nur die  Grundformen, aber ohne Schnick-Schnack.

Silhouetten sind sehr sinnvoll, man kann sie sehr leicht in eine Vorzeichnung umsetzen.

Dieses einfache Konzept wird deiner Zeichnung oder deinem Bild Ruhe und Klarheit geben. Deine Zeichnung wird besser und du wirst schneller.

Eine Vorzeichnung muss so leicht oder dezent sein, dass sie im Kunstwerk total verschwindet oder so angelegt werden, dass sie ins Kunstwerk übergeht ohne die Zeichnung oder das Bild einzuschränken oder die künstlerische Freiheit zu beengen.


Gibt es eine Methode um das Vorzeichnen zu vereinfachen?


Ja, die gibt es, man muss ausblenden, was man malt. Brille ausziehen, bei Fotos dreht man sie auf dem Kopf. Bloss nicht erkennen was wir malen, das hilft sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Nur noch einfachste Grundformen und Winkel malen.

Die Strategie des Reduzierens sind sehr unterschiedlich: Man kann sehr fein Vorzeichnen oder alles auf grobe Farbblöcke reduzieren.

Vorzeichnen mit Farbblöcken, Tine Klein Anleitung zum vereinfachten Vorzeichnen

Entweder hart oder zart, wichtig ist das weglassen. Auch auf Basis so eines Weglassens können sehr gelungene Zeichnungen entstehen.

Das Ohne-Detail-Konzept ist bis in sehr späte Phasen der Malerei sehr hilfreich.

Schaut Euch dies mal in der Ölmalerei an: Der Maler Aaron Westerberg zeigt wie er seine detailreichen Ölwerke mit Ohne-Detail-Vorstudien beginnt.

Weiterlesen zum Thema Zeichnen lernen:  Zeichnen mit Tinte

Aaron Westenberg

 

 

Struktur und Strich Zeichenschule Teil 1:

Die Struktur ist vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Beginn für eine Zeichenschule, dennoch glaube ich er ist perfekt.

Diese Woche lag der erste Schnee bei uns und dann wird es hier schnell ungemütlich. Ungemütlich wird es übrigens auch in Venedig, die angesagte Mode im November ist Gummistiefel oder Plastikbeutel, übrigens auch zum Kostüm.

Leider bin ich mit einem Koch, der gebürtig aus Venedig stammt, befreundet. Das ist gar nicht gut für mich. Wir wollen immer wieder zum Zeichnen nach Venedig fahren, doch dann ist das Wetter schlecht und deshalb führt uns Nonna jedesmal im Polizeigriff ab und füttert uns bis zum lebensbedrohlichen Magendurchbruch. Blöderweise ist Nonna so effektiv, dass ich nun bei dem dritten Besuch noch nichts gesehen habe, außer das Familienrestaurant, bei einem unserer Fluchtversuche ist dieses Bild entstanden.

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Tine Klein: San Giacomo dall ´Orio: Venedig, die schönste Tristesse der Welt

Hier zeigt sich das kleine Struktürchen echte Geschichtenerzähler sind, deshalb liegt mir das Thema so am Herzen. Aus diesem Grund fange ich meine Zeichenschule mit Struktur an, denn wer sich auf die Struktur konzentriert, erlernt von Anfang an die Geschichte eines Motivs zu erzählen.


Der Strich und die Struktur


Ihr hab ja sicher schon gemerkt, dass ich mir die Haare raufe, wenn man unter Zeichnen lernen versteht, dass man feste Kästchen und Rahmen um alles zeichnet.

Solche Zeichnungen lassen wenig Raum für Entwicklung, der Rahmen sitzt um das Motiv wie eine Zwangsjacke! Viele Kunstlehrer verstehen dies als die Tradition der klaren Linie, auch viele Animationszeichner benutzen diese Methode, aber aus einem ganz klaren Zwang heraus, den man kann nur digital kolorieren, wenn Linien ganz ordentlich geschlossen sind.

Ich glaube, dass die Methode des klaren, harten Strichs beim Zeichnen viel eher eine Erziehungsmethode ist als eine Kunstrichtung. Kinder sollen zur Ordnung und Sauberkeit angehalten werden, Designer dazu, dass ihre Skizzen automatisch für Druckgrafik und Trickfilm von Computern koloriert werden können.

Wir als Künstler jedoch müssen uns aber fragen: Wie zeige ich das hier am Besten?

Und dafür gibt es eine enorme Menge anderer Möglichkeiten als eine klare harte Linie.


Zeichnen mit Strukturen


Ich zeige euch einmal diese Kirche aus Venedig:

Nelson Pérez [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Oma ist eine Naturgewalt die lässt einem nicht mal Zeit für einen Schnappschuss: Urheber: Nelson Pérez [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Für mich ist Venedig die Poesie des morbiden Verfalls, bittersüß, hässlich, feucht, feucht kalt und das Herz erwärmend wunderschön.

Schaut euch mal diese Kirche an. Ist dies die angemessene Wiedergabe des Ortes? Wohl kaum.

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Negativbeispiel Vorzeichnung mit Tinte

Solche Vorzeichnungen haben unzählige Nachteile, die Linien werden gerade und hart gezogen, jeder Fehler fällt auf, dadurch sehen die Zeichnungen oft trotz Lineal aus wie von Kindern. Auch Farbe wirkt in solchen Gefängnislinien wie ein Fremdkörper. Das Schlimmste ist aber, dass der Zeichner auf der Jagd nach genauen Strichen die Seele des Ortes vergiss!

Eine ganz harte Umrahmung spricht uns einfach nicht aus der Seele, denn sie zeigt  gar nichts von dem, was an diesem Ort so bittersüß ist.

Trotzdem machen wir unsere Zeichnungen so, weil wir einmal hören wollen:

Da sitzt ja jeder Strich!


Ausdrucksstärke durch die erzählerische Kraft der Struktur


Die Struktur, die man neben der Linie, erzeugt ist so etwas wie eine Bildsprache für den Ort. Die Kernfrage ist:

Was ist da was mich so fasziniert?

Und dies versuche ich dann mit dem Stift zu zeigen, dadurch erhält die Zeichnung einen Erzähler.

Schauen wir noch mal ins Foto, was macht diesen Ort aus?

Besonders gut eignen sich Strukturen um kleine Details zu Zeigen:

Bröckelnder Putz, Bauschäden und sichtbarer Stein, Pflaster und fallende Blätter, dass ist das erzählerische Spielfeld der Struktur.

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Schon besser? Vielleicht auch interessanter? Na klar, hier erzählen die Strukturen eine Geschichte von fallendem Laub, bröckelndem Putz und selbst die Fliesen auf dem Pflaster sieht der Betrachter.


Strukturen machen eine Zeichnung persönlicher


Wichtig ist bei deiner persönlichen Linie, dass man nicht nur etwas vom Ort sieht, sondern auch von Dir.

Jetzt fragt sich natürlich mal wieder der eine oder andere Realist, was das zum Teufel soll das.

Die Frage ist berechtigt, wenn du ein Foto machen willst, dann mach ein Foto, beim Zeichnen aber ist dein Stift ein Erzähler.

Kein Mensch hört ein Hörbuch mit einer scheußlichen Stimme:

Hinterlasse mit deinem Stift deine wundervolle, warme Erzählstimme.


Kleckern statt Klotzen


Alles zu zeichnen würde dich wahnsinnig machen. Ich kenne einen Designer aus Barcelona, der hockt abends vor dem Fernsehen und malt wie besessen Backsteine, deshalb nennt ihn seine Frau liebevoll mein kleiner Autist. 

Man kann das machen, wenn man einen kleinen Hang zum Zwanghaften hat.  😆

Bei Strukturen muss man sich immer eines merken:

Viel hilft nicht viel

Strukturen sind dazu da zu zeigen, dass etwas da ist, dafür braucht man nicht jedes Detail zu zeichnen. Zeichne so wie die Sehgewohnheiten des Menschen sind, wir schauen schnell hin, sehen Backsteine, schauen uns aber nie alle Backsteine an.

Zu wissen wie die Sehgewohnheiten eines Menschen sind, hilft enorm, dann weiß man, wir dürfen Dinge in Zeichnungen weglassen.

Ich wünsche euch ein tolles Wochenende.

Tine aus dem Herz-der-Kunst

weiterlesen zum Strich:   

Wer es nicht glaubt scheußliches Wetter in Venedig

Web-Cam auf dem Markusplatz

Sehen lernen ist Zeichnen lernen

Jeder der normal sehen kann, geht erst einmal davon aus, dass er sehen kann und das alle Anderen ganz genau so sehen wie er selbst.

„Ich kann es einfach nicht sehen!“ ruft mein Freund Jo aus und möchte einfach ins Skizzenbuch beißen!

Zu sehen, was man zum Kunst machen sehen muss, ist in der tat eine Kunst!

Jo, glaubt er sieht falsch! Tut er aber nicht! Er sieht einfach nur wie Joachim.

Als ich klein war spielte ich mit meinem Brüdern abends im Bett ein Spiel,

Ich sehe was was Du nicht siehst…..

Dabei ging mir das erste Mal auf, dass meine Brüder ganz andere Dinge sahen als ich. Das Kinderzimmer schien für meine Brüder ganz anders auszusehen als für mich!

Kinder sind schlau, dass ganze Spiel beruht darauf, dass sehen etwas ganz Persönliches ist.


Sehen lernen für die Kunst


Für die Kunst muss man sehen lernen, allerdings gibt es da zwei Sichtweisen.

Das eine ist das Sehen und Umsetzen von Proportionen, dieses Handwerk kommt von ganz allein.

Das andere ist die persönliche Sicht auf Dinge, wenn du Dir die abgewöhnst und als Fehler betrachtest, dann ist deine Kunst tot.

Das Ssehen von Licht ist für mich ein Vergnügen, ich lasse mich in einem Meer von unsichtbaren Farben treiben.

 

Sehen lernen für die Kunst Tine Klein,malt die Kollwitzstraße in Berlin

Tine Klein: Blick von der Kollwitz Straße

Um richtig zu sehen für die Kunst ist es sinnvoll, dass richtig und falsch Konzept von „das ist so“ zu überdenken.

Wenn ich jetzt dort sitze, sehe ich wie sich das Licht mit den ziehenden Wolken verändert.

Autos und Menschen kommen und gehen und der Duft von Schokotorte ist auch dabei.

Sehen lernen für die Kunst: Tine Klein zeigt das Ein Foto etwas anderes ist als ein künstlerischer Blick.

Dadurch kann ich eine viel persönlichere Farbdarstellung machen, Jo, kann sie nicht sehen, denn sie entsteht in meinem Kopf und hat nichts mit einem Foto zu tun.

In Jo steckt etwas viel Besseres, es ist Jo´s Sicht und dafür muss man Mut haben, sich hinsetzen und den Blick nach Innen wagen, wie sehe ich die Welt?

Jo hat mir erzählt, dass er sich eine Stunde vor ein graues Auto gesetzt hat und danach erstaunt feststellte: „Das Auto ist gar nicht grau“. Durch diese verrückte Aktion setzte Jo´s eigener Blick ein.


Sehen ist etwas ganz persönliches, woran liegt das?


Das Sehen etwas ganz persönliches ist, weiß man schon recht lange. Der berühmte Rorschachtest (also der Test bei dem man Menschen einfach einen Tintenklecks unter die Nase hält und er soll erzählen was er sieht!) sagt viel über Menschen aus und ist noch heute einer der ganz wichtigen Tests um herauszufinden wie Jemand sieht und fühlt.

Bitte macht Euch ganz klar: Es würde diesen Test nicht geben, wenn wir alle das gleiche sehen würden!

Rorschach 1:

Rohrschach Karte 1 Quelle common Wikipedia in Tine Klein sehen lernen für die Kunst

Keine Sorge, das wird heute  kein Psychotanten-Blog.  Es geht nur darum herauszufinden wie wir sehen. Was siehst du? Du wärst überrascht wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Menschen ist! Frag doch mal was deine Familie sieht?


Ein Auge ist ein Stückchen Gehirn:


Ich sehe 2 Engel die einen neuen Stern erschaffen, der Weltraum ist ihre Staffelei. Sie stehen dort und zeigen auf den Stern und freuen sich.

Rohrschach Karte 1 Quelle common Wikipedia in Tine Klein sehen lernen für die Kunst

Wenn Du etwas anderes siehst, zum Beispiel einen Schmetterling oder eine Motte, dann ist das überhaupt nicht Falsch!

Ich stehe fast jeden Tag in genau dieser Körperhaltung gemeinsam mit meinen Malschülern vor Staffeleien, zeige darauf und wir sprechen dann über das Erschaffene.

Ich sehe meine Erfahrung

Was ich sehe ist meine Erfahrung. All meine Erfahrungen wurden seid meiner Geburt zu einer grauen Masse zwischen meinen Ohren verdichtet:

Das Gehirn die Summe unserer Erfahrungen


Du bist ein Unikat


Wenn Jo jetzt in mein Skizzenbuch schaut und in seinem Skizzenbuch etwas anderes findet, dann ist dies kein Grund hineinzubeißen. Jo müsste eher beunruhigt sein, wenn er in sein Skizzenbuch schaut und dort exakt das findet, was er bei mir findet.

Du bist ein Unikat!


Zeichnen lernen heißt sehen lernen


Eine Frage zum Nachdenken:

Wie sollen wir richtig sehen lernen, wenn doch Alle anders sehen?

Sehen ist ein absolut komplexer Vorgang der sich zu allergrößten Teil im Gehirn abspielt.

Unsere Gehirn filtert die Milliarden an Informationen die es ständig bekommt. Du würdest wahnsinnig werden, wenn dies nicht jederzeit tun würdest. Selbst eine schlichte Tischplatte würde deinen Arbeitsspeicher im Kopf platzen lassen, wenn wir alles gleichzeitig wahrnehmen würden. Wir würden Millionen von Farbpunkten und winzigen Poren sehen.  Richte mal deinen Blick auf die nächste Holztischplatte, ein faszinierendes Universum! Wenn wir alle so sehen würden, wären wir auf Dauer lebensuntauglich.

Die Welt ist zu viel Information


Sehen lernen heißt filtern


Normalerweise filtern wir all diese Informationen unbewusst und so findet der Rorschach- Test heraus wer wir sind.

Beim Malen und Zeichnen lernen stehen wir nun vor der Herausforderung, dass wir unsere Filter öffnen und Millionen von Informationen auf uns einstürzen und dies führt zu einem enormen Chaos in unseren Bildern.

Wenn wir jetzt versuchen immer genau zu zeichnen, so ist dies in einer gewissen Art und Weise unnatürlich, denn wir selbst haben ja im Alltag immer die von unserem Gehirn gesetzten Filtern vor den Augen!

Immer genauer sehen lernen wollen, endet oft  in kalter handwerklicher Perfektion, denn es gibt keinen persönlichen Blick mehr.


Sehen für die Kunst


Sehen lernen für die Kunst heißt auf deine Art und Weise filtern zu lernen.

Wir alle sehnen uns nach einem ganz persönlichen Stil beim Zeichnen und Kunst machen.

Natürlich ist es ganz wichtig zu lernen, was man genau in einem Bild braucht, damit man Dinge so darstellt wie man sie sieht.

Es hilft enorm sich beim Sehen lernen auf die einfachsten Grundformen zu konzentrieren und zu analysieren. Wer einfach sieht, sieht gut: im Sinne von ein Haus ohne Dachkante ist eine Kiste und diese Abstraktionen sind ein ganz wichtiger Prozess beim Sehen lernen für die Kunst!

Aber ich finde es sehr wichtig zu wissen:

Dein persönlicher Stil ist die Summe deiner eigenen Blindheit und deiner Exzentrik


Es gibt Kunstrichtungen, die können sich nicht riechen


Dies liegt daran, dass sie auf unterschiedliche Weise versuchen für die Kunst sehen zu lernen. So versuchen die Realisten den Filter des Sehens einzureißen bis sie alles sehen und der Konstruktivismus versuchen den Regler des Filters bis zum Maximum aufzudrehen, bis nur noch die Grundform bleibt.

Reduziert bis auf die Grundform. Wie in diesem Beispiel einer Postkarte aus dem Jahr 1915:

 postcard Sketch of a Portrait of Pavel von Liubov Popova Quelle: Wikipedia gemeinfrei

Werk: Sketch of a Portrait of Pavel von Liubov Popova Quelle: Wikipedia

Das finden die Realisten allerdings total empörend, solche Bilder haben damals Skandale ausgelöst. Das sich solch auseinanderliegende Kunstrichtungen Spinnefeind sind, ist deshalb kein Zufall.

Tine meint dazu:

Als wir geboren wurden, gab man uns Augen und ein Herz um zu sehen. Finde deine eigene Mischung. Denn das wundervolle an der Kunst ist dein ganz eigener Blick.

Alles liebe Tine

Neulich habe ich einen anderen Aspekt des Sehenlernens beleuchtet:

http://blog.herz-der-kunst.ch/abstrahieren-mit-genuss/

Wer sich noch mal die berühmten Tintenkleckse auf Wikipedia anschauen möchte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rorschachtest

Konstruktivismus eine Kunstrichtung mit streng geometrischen Sehen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Konstruktivismus_(Kunst)