Das kleine Geheimnis der Farbe


Wir und die Farbe


Es war schön und der Trubel ist vorbei, die Stille kehrt ein. Ich stehe in Bern auf einer Aussichtsplattform und schaue ins sanfte Abendlicht hinaus. Es ist 18:00 Uhr und bis gerade eben habe ich Malunterricht gegeben. Heute Nachmittag ging es um Farben.

Jetzt werde ich ruhig und nach dem Lehren kann ich der eigenen Sehnsucht nach der Farbe verfallen, auch wenn die Zeit nur für eine schnelle Skizze reicht.

Nach und nach lernt man die Farbe zu sehen. Ganz anders als man am Anfang glaubt, sind Farben in das große System des Lichts eingebettet. Man glaubt man malt nur ein Haus und dabei ist es ein ganzes System von Lichtstrahlen. Hinter jeder einzelnen Farbe steht ein Konzept, aber dieser Gedanke ist am Anfang viel zu verwirrend.


Farben brauchen ein Konzept


Das spontane Aquarell gilt als die freieste Art der Malerei. Sie ist wild und farbig und Regeln werden sehr oft gebrochen. Es ist also ein Wunder, dass diese Machwerke harmonisch aussehen. Diese enorme Freiheit der Farbe kann man realisieren, weil es im Hintergrund der Bilder eine kleine Organisation gibt. Dieses Grundmuster ermöglicht es dem Maler Farben im Bild sehr lebhaft zu kombinieren ohne dass dabei die Augen des Betrachters bluten.

Muster erzeugen Harmonie

Die Harmonie entsteht dadurch, dass die Farben in großen Blöcken organisiert werden. Man kann auf diese Art und Weise sehr, sehr farbig malen ohne das es in irgendeiner Art und Weise grell oder unnatürlich wirkt.

Googelt einmal meine Kollegen Wilhelm Fikisz, Voka oder Simon Fletcher und betrachtet ihre Bilder. Diese Maler malen sehr farbig und trotzdem sehr harmonisch. Die Harmonie entsteht dadurch, dass große Flächen mit verwandten Farben verwendet werden, innerhalb dieser Flächen findet ihr überwiegend Farben die ineinander übergehen, d.h. blau, grün und gelb oder gelb, orange, rot.

Hinter dem farblichen Chaos liegt also eine verborgene Ordnung.

 


Diese Flächenbildung ist das ganze Geheimnis


Eine Schülerin sagte mir, das ist so unglaublich schwer zu realisieren, wenn ich nicht auf mein Motiv gucken kann und dort sofort die Farbe sehe, die ich malen muss

Du musst nicht! Du kannst! Du darfst! Lass dich inspirieren.

Tatsächlich ist es aber gar nicht so schwer, hole doch erst mal 1 Sekunde Luft. Wenn du einmal in das Motiv schaust, dann wirst du sehen, dass man, dafür nicht lügen muss. Diese Farbgruppen sind einfach da. Sie sind das abstrakte Farbmuster hinter dem Motiv. Diese Gruppen lassen sich mit etwas Ruhe ganz einfach sehen:Tine Klein, Blog Herz der Kunst, Motiv und Organisation der Farbe, das kleine Geheimnis der Farbe

Ich zeige dir jetzt das Motiv an dem wir am letzten Samstag gestanden haben. Es ist der Blick von der Aussichtsplattform am Bundeshaus entlang. Schau mal in das Bild und analysiere.

Die Kuppeln des Hauses sind türkis, oxidiertes Kupfer, die Bundesgebäude sind aus leicht grünlichen Sandstein und der Himmel ist blau. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass wir in dieser Ecke des Bildes eine blaugrüne Fläche bilden können.

Im hinteren Bereich des Bildes nahe der Brücke schauen wir auf die roten Dächer der Altstadt, in der warmen Abendsonne gibt es hier viele sanfte und rötliche Reflexe. Leider sieht man dies auf dem Foto nicht so genau wie in der Realität.

Tine Klein, Blog Herz der Kunst, Motiv und Organisation der Farbe, das kleine Geheimnis der Farbe

Wenn man genau hinsieht, sieht man es ziemlich gut. Jeder erfahrene Maler weiß nun, ich kann im Bild zwei Blöcke bilden, einen blaugrün gelben Block und einen rotgelben Block.

Es  gibt eine Farbe, die dient als Brücke


Eine Brücke zwischen den Farben bilden


Die Farbe, die ich in beiden Bildbereichen finde, ist gelb. Gelb ist der Sandstein. Diese Farbe bildet die ganz natürliche Brücke zwischen den beiden Fachbereichen. Über das Gelb kannst du ganz harmonische Übergänge bilden: Willst du also ins Rot, dann bildest du einen allmählichen Übergang, gelb, orange erst dann  rot. Auf der anderen Seite bildet das Gelb die Brücke über Grün bis hin zum Blau.

Dinge verbinden anstatt sie zu spalten

Eine Schülerin war überrascht, dass hinter den Farben ein Konzept liegt, sie sagte:

Du arbeitest also gar nicht mit realen Farben!

Tine Klein, Bern Bundeshaus, Blog Herz der Kunst, Motiv und Organisation der Farbe, das kleine Geheimnis der Farbe

Doch, natürlich! Die Farben sind da und diese Beobachtung mache ich für meine Betrachter nur deutlich sichtbar. Ich verstärke die Farben ein wenig und lasse dann die eine Farbe sanft und an allmählich in die Andere übergehen.

Dabei gibt es natürlich immer mehr als nur einen Weg, das Konzept gibt mir eine große Freiheit, in der ich mich mit der Farbe bewegen kann.

In dieser Skizze zeige ich nur im Hauptmotiv die reale Farbe und bin im Rest viel zurückhaltender, hier benutze ich den Schatten als “Brückenfarbe“:

Tine Klein, Bern Bundeshaus, Blog Herz der Kunst, Motiv und Organisation der Farbe, das kleine Geheimnis der Farbe

Licht verhält sich anders als bauliche Strukturen. Dem Licht ist egal ob ein Haus zu Ende ist, es reflektiert einfach auf die andere Wand. Wenn man eine Stadt nicht konstruiert, sondern sie als Licht sieht, dann wird alles weich. Man braucht nicht alles verändern, man betont nur den einen oder anderen Aspekt, eben das was einem Bild gut tut.

Gelb ist nicht einfach Gelb, tatsächlich steht in jeder Farbe eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Farben zu Verfügung.

Oftmals ist dies das Spiel mit kalten und warmen Farbtönen einer Farbe

Es kommt immer darauf an, was ich sagen möchte. Bilder werden ganz lebendig durch Kontraste. Indem man die Kontraste aber in große Flächen einbettet, wirkt das Ganze immer harmonisch und trotzdem nicht langweilig.

Paul Cézanne [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Einige meiner Schüler finden es sehr gewagt, die Farben ein wenig abzuändern. Ich möchte dich jedoch darauf hinweisen, dass diese Arbeitsweise ein ziemlich alter Schuh ist.

Schau einmal was Paul Cezanne hier macht! Kommt es dir bekannt vor?


Paul Cezanne und die Organisation der Farbe


Paul Cezanne, Organisation der Farbe, mit Zwiebeln

Paul Cézanne [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Auch bei Paul Cezannes zweitem Bild siehst du die beschriebene Arbeitsweise ganz deutlich. Auf den ersten Blick mag es so wirken als sei der Hintergrund einfach leer, die blaugrüne Farbe hat aber als Fläche die Aufgabe das Rot leuchten zu lassen.

Dies ist das ganze Geheimnis einer erfolgreichen Malerei, sie ist äußerst simpel aufgebaut, findet aber die großen Zusammenhänge, so dass sich die Farbflächen untereinander stützen. Paul Cezanne arbeitet hier äußerst klassisch, der Vordergrund ist warm und geht in einen Hintergrund über in dem kalte Farben verarbeitet sind. Diese Art der Darstellung suggeriert Tiefe und Entfernung.


Kein Einheitsbrei


In einer der Skizzen habe ich mit dieser  Regel gebrochen , obwohl ich sie verstanden habe. Merkt euch eins:

Regeln in der Malerei sind zum Brechen da.

Jedoch sollte man wissen was man tut, denn die Kunst ist eins der ältesten Handwerke der Welt. Hätte ich Bern ohne jeden Farbkontrast gemalt, dann wette ich, dass die wunderschöne Kulisse ausgesehen hätte wie eine Schüssel Grießbrei . Die Idee Farben in großen Blöcken zu organisieren ist also nicht neu und auch keine Erfindung der spontanen Aquarellisten, sondern sie gehört zum  alten Know-How der Malerei.

Liebe Grüße an die wundervolle Urban Sketching Gruppe in Bern

und Euch und allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Malen in der Frühlingssonne.

wünscht euch Tine aus dem Herz der Kunst

Mehr zur Wirkung der Farben

 

 

 

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