Motive vereinfachen – Warum?
Motive vereinfachen ist nicht ganz einfach. Und warum sollte man so etwas überhaupt tun? Wenn man doch einfach alles abzeichnen könnte?
Diese Frage geht direkt ins Herz der Bildwirkung…
und wird dich zu besseren Bildentwürfen führen.
Faulheit mit vielen positiven Effekten.

(So schön ist die Schweiz – Estavayer-le-Lac – zauberhafte Kleinstadt – Tine Klein)
Der erste wirklich sinnvolle Aspekt ist, dass dir das Vereinfachen von Motiven das Leben leicht macht.
Du kannst schnell und effektiv malen und zeichnen.
Und damit wird es dir deutlich einfacher, spontan künstlerisch tätig zu werden. Alles, was einfach ist, macht man häufiger, und die Häufigkeit und Übung ist oft die Basis von künstlerischer Meisterschaft.
Wer locker und brillant werden möchte, braucht viel Übung, und da schadet es nicht, die Sache zu vereinfachen.
Doch Motive vereinfachen hat auch enorm viele positive Effekte.
Welche sind das?
Motive vereinfachen, weil es das Gehirn liebt.
Hast du schon mal im Gras gelegen und den Wolken beim Ziehen zugesehen?
Dabei ritten Pferde über den Himmel, alles Mögliche entstand in deinem Kopf, während du den Wolken beim Ziehen zusahst!
Unser Gehirn ist ein extrem effizientes Muster-Erkennungs-System.
Wenn Informationen fehlen, versucht es automatisch, diese zu ergänzen. Und dies macht dem Menschen Spaß! Wenn du also nicht alles malst oder zeichnest, dann muss der Betrachter mitmachen.
So wird er zum Teil deines Bildes, und dies macht ihm Freude, er verbindet sich mit deinem Werk!
Das erzeugt emotionale Aufmerksamkeit und Beteiligung! Davon träumen viele sehr gute Zeichner und Maler! Sie erreichen diese Beteiligung nicht, weil sie zu detailliert sind.
Motive vereinfachen – weil es spannend ist!
Totale Vollständigkeit und auch totale Perfektion sind oft ein wenig langweilig.
Wenn etwas anders ist als sonst, erzeugt das Erinnerbarkeit.
Wenn man also Dinge frech weglässt, dann stutzt der Betrachter.
Es entsteht visuelle Spannung.
Oft lässt man Dinge weg, und dadurch erhält das Bild eine ungewöhnliche Form. Eine Richtung.

Diese Richtung entsteht dadurch, dass man nur das Wichtigste zeigt. Und dadurch entsteht eine Bewegung im Bild. Dies nennt man Informationspfad oder Line of Action. Das Auge gleitet daran entlang, weil es spannend ist. Dadurch wird das Auge spielerisch geführt, und der Betrachter begreift sofort, worum es geht.
Das erzeugt eine gute Kommunikation zwischen dir und deinem Betrachter.
Das Wesentliche sichtbar machen.
Die meisten schlechten Bilder sterben an zu viel!
Wenn du alles malst, konkurriert alles miteinander.
Wenn du weglässt, passiert etwas extrem Gutes:
→ Die wichtigen Dinge werden stärker.
Du erzählst dem Betrachter, was dir persönlich wichtig ist.
Durch das Weglassen wird das Bild einfacher, aber auch stärker.
Das Bild erzählt besser, weil es deinen Standpunkt klar macht!
Das hängt eng mit dem Bildzentrum zusammen. Bilder, die kein Bildzentrum haben, werden vom Betrachter oft als chaotisch wahrgenommen. Bilder, die dem Betrachter vorkommen wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer. Das stört die Ästhetik!
Wer jedoch in seinem Bild ein Zentrum bildet, vermeidet das. Und dies hat sehr viel damit zu tun, dass man unwichtige Details weglässt.
Zusammenfassend kann man dazu sagen:
Das Gehirn liebt Einfachheit, denn sie steigert die Lesbarkeit eines Bildes.
Der Betrachter möchte es einfach mit einer Prise Spannung!
Beides erzeugt man durch die Reduktion von unwichtigen Bildanteilen.
Das Geheimnisvolle wirkt attraktiver als das Erklärte.
Motive vereinfachen ist nicht ganz einfach, denn wir können ein Motiv nicht mehr wie eine Arbeitsbiene abarbeiten.
Weglassen bedeutet Reife und künstlerische Autorität.
Motive vereinfachen entsteht in drei Schritten:
Ich habe gesehen.
Ich habe verstanden.
Ich habe gewählt.
Der Betrachter spürt: Hier ist ein Mensch am Werk, der die Sache verstanden hat und der mutig Entscheidungen trifft.
Das nehmen viele Betrachter als Kompetenz wahr!
Deshalb ist Motive vereinfachen so schwer, weil man auf gut Deutsch:
… den Arsch in der Hose haben muss, seine eigenen Entscheidungen zu treffen!
Mein Tipp dazu:
So schwer wie es fällt, mach es einfach!
Nur wer sich traut, macht die ersten Schritte.
Dafür braucht man wie für alles andere beim Malen und Zeichnen Übung, und
die Kompetenz beim Motive vereinfachen wächst mit dem Tun.
Mach dir klar, es kann nicht bei den ersten Versuchen klappen!
Nur Mut!
Eines wird dir sehr helfen!
Mysteriöses wirkt auf den Betrachter sehr attraktiv. Der freie Raum im Bild wird durch die Fantasie des Betrachters gefüllt. Viel mehr Menschen können sich mit dem Bild identifizieren, denn sie interpretieren ihre eigenen Geschichten und Gefühle hinein.
Meglassen schaft Raum für das Wesentliche!
Motive vereinfachen bedeutet, dass du dir darüber klar sein musst, was dir an dem Motiv wichtig ist.
Dein Bild wird aussagestärker, und der Betrachter liebt es, weil er sich selbst ins Spiel bringen muss.
Doch noch etwas passiert: Das Bild erhält mehr Raum.
Das Papierweiß erscheint!

Gerade im Aquarell ist Weglassen pures Gold. Es wirkt locker, frei und luftig.
Liebe Grüße
Tine
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