Wie ihr schon mitbekommen habt, war ich im Urlaub, und es gibt nichts Herrlicheres, als die Düfte der Natur tief einzusaugen und ein kleines, einfaches Landschaftsmotiv zu malen.
Ein paar Büsche, einige Bäume, eine Wiese. Nichts Spektakuläres.
Doch nach den ersten Pinselstrichen wurde mir wieder bewusst, warum natürliche Vegetation zu den schwierigsten Motiven überhaupt gehört.
Der Grund ist verblüffend einfach: Alles ist grün.
Unser Gehirn erkennt sofort einen Baum als Baum oder eine Wiese als Wiese. Es sortiert automatisch Formen, Tiefen und Lichtverhältnisse.
Und klar, hier im Grünen zu sitzen ist super und wunderschön!
Sobald wir aber versuchen, das Ganze auf Papier zu bringen, merken wir, dass wir plötzlich vor einer riesigen grünen Masse sitzen.
Und das, was wir auf das Papier bringen, ist nicht mehr so wunderschön.
Und nun wird das vermeintlich einfache Bäume-Malen zum Problem.
Doch das ist nicht nötig. Ein paar einfache Tricks helfen. Was wir tun müssen, ist im Kopf ein wenig zu sortieren, bevor wir mit dem Malen beginnen.
Bäume malen: Grün muss abwechslungsreich sein
Oft versuchen meine Schüler es mit fertig gemischten Grüntönen. Die Farbe ist wunderbar. Und warum klappt es dann nicht?
Na, das Grün ist einfach nur grün!
Der Baum wird langweilig und undefiniert!
Ein Baum besteht nicht aus einem Grün. Er besteht aus Hunderten von Grüntönen. Kühles Grün im Schatten. Warmes Grün im Sonnenlicht. Gelbliche Blätter an den Spitzen.
Was Grün wirklich interessant macht, ist das volle Ausschöpfen des Spektrums zwischen Dunkelblau, fast Violett, über alle Grüntöne bis hin in zartes Gelb.
Dies ist besonders wichtig, wenn wir es mit vielen unterschiedlichen Bäumen und Büschen zu tun haben, denn die Vielfalt der Grüntöne ist unsere stärkste Waffe gegen die Langeweile!
Aber das wichtigste ist:
In der Malerei muss man oft mit der Farbe arbeiten, um Motivanteile sauber voneinander zu trennen. Malt man Grün auf Grün in sehr ähnlichen Grüntönen, wird das Motiv unübersichtlich und langweilig.

Gestaltet man einzelne Motivanteile jedoch farblich anders, trennen sie sich deutlich voneinander und das Bild wird sofort einfacher zu malen.

Nur durch die Vielfalt wird man einem natürlichen Baum gerecht, denn er hat grüne Blattflächen im Licht und Äste im Schatten und dunkle Löcher. Deshalb brauchen wir das volle Programm an Grün-, Blau-, Gelb- und Brauntönen, um der Natur gerecht zu werden.
Das Problem ist, dass unser Verstand ständig vereinfacht.
Er sagt: Bäume malen, das macht man in Grün!
Und da sollen wir mit zwei fertigen Grüntönen auskommen? Pustekuchen!
Deshalb muss der Maler lernen zu sehen, wie er die Kontraste aus dem Grün herauskitzelt.
Oft wird gesagt, dass man einfach nur hingucken muss. Aber das stimmt nicht.
Ein Maler muss immer auf der Jagd sein nach den stärksten Kontrasten! Ein Maler darf die Kontraste zuspitzen! Was passiert, wenn der Baum plötzlich einen Lichtstrahl bekommt? Dieses kurze Aufglühen macht ein Motiv lebendig!Oft muss man übertreiben, bis es kracht!
Warum?
Besonders im Aquarell wird die Farbe beim Trocknen schwächer!
Wenn du das malst, was du siehst, wird die Farbe trocknen, und du hast in deinem Aquarellbild hinterher einen langweiligen grünen Brei.
Bäume malen gelingt, wenn man sich dies zu Herzen nimmt.
Die hellste Farbe im Baum muss viel gelber sein, als man denkt. Fängt man nun an, Grün zu malen, hat man bereits den ersten Kontrast.
Bäume malen – immer selber mischen!
Dadurch, dass man am besten mit jeweils einem kalten und einem warmen Blau sowie einem kalten und einem warmen Gelb auf dem Blatt mischt, entstehen vielfältige Grüntöne, genau wie in der Natur.
Versuche, in deinem Baum die gesamte Palette von Gelb über Grün bis Blau auszunutzen. Mit diesem Trick erhältst du vielfältige und abwechslungsreiche Grüntöne!

Bäume malen: Der Schatten verblasst
Bäume sind im Gegenlicht oft sehr dunkel. Man hat das Gefühl, sie seien tiefschwarz.
Diese Dunkelheiten erreicht man beim Bäume-Malen nicht, wenn man im normalen Spektrum der Grüntöne bleibt. Selbst ein sehr dunkles Grün wird zu blass, wenn man auf feuchtem Papier oder in feuchter Farbe malt.
Sehr dunkles Grün gelingt nur, wenn man sehr dicke Aquarellfarbe mischt. Denn diese verläuft, wenn sie in die Feuchtigkeit gerät, und verblasst dabei.
Zusätzlich braucht man beim Mischen der Dunkelheiten für Bäume oft Rot.
Ich muss lächeln, denn ich stelle mir die überraschten Gesichter von einigen Lesern vor!
Was hat denn Rot in grünen Bäumen zu suchen?
Nichts ist dunkler als ein Komplementärkontrast, denn dieser wirkt fast schwarz!

Anders als fertig gemischtes Schwarz bringen die Dunkelheiten, die aus Rot und Grün angerührt wurden, den Baum zum Leuchten! Das hat etwas mit den Wellenlängen des Lichts zu tun. Denn Rot macht Grün leuchtender.
Deshalb wirst du in meinen Bäumen immer rotbraune oder lila Reflexe finden.
Denn die rötlichen Dunkelheiten wirken natürlich und haben zwei Kontraste, die den Baum wirken lassen:
Den Hell-Dunkel-Kontrast wie auch den Komplementärkontrast.
Grün auf Grün! Ist nicht die Mutter der Kontraste
Kontraste machen Bilder schön.
Wenn nun ein grüner Baum vor grünem Grund steht, ist dies nicht gerade förderlich für dein Bild.
Besonders schwierig wird es, wenn verschiedene Pflanzenarten nebeneinander stehen. Die Wiese ist grün. Der Strauch ist grün. Der Baum ist grün.
Jetzt muss man dafür sorgen, dass sich die einzelnen Motivanteile voneinander trennen.
Profis achten zuerst auf die Tonwerte – also auf Hell und Dunkel. Der Trick ist einfach, man malt Hauptmotiv, Nebenmotive und Hintergrund in unterschiedlichen Stufen von Hell und Dunkel, wird das Bild sofort lebendig, mehrdimensional und nicht flach. Die Tiefenwirkung entsteht vor allem durch Kontraste, nicht durch die exakte Farbe.

Das heißt, Vordergrund und Hintergrund müssen passend zum Hauptmotiv aufgehellt oder abgedunkelt werden, sodass sich die Motivanteile trennen. In diesem Bild ist der Hintergrund nun deutlich heller!

Versuche, in deinem Baum die gesamte Palette von Gelb über Grün bis Blau auszunutzen. Mit diesem Trick erhältst du vielfältige und abwechslungsreiche Grüntöne!
Deshalb sollte man sich beim Bäume-Malen vor allem auf das Licht konzentrieren und einzelne Motivbestandteile aus dem grünen Dschungel lösen! Wir müssen entscheiden, was uns wichtig ist. Das eine malen wir stärker, das andere drosseln wir ein wenig.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Vegetation so faszinierend ist. Sie zwingt uns dazu, wirklich hinzusehen. Nicht einfach nur Grün zu malen, sondern ein ganzes Orchester aus Hell und Dunkel sowie unzähligen faszinierenden Grüntönen zu erschaffen.
Liebe Grüße
Tine
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