
Im Instagram blitzt er immer mal wieder auf – mein Aquarellkasten. Und ja, ich weiß: Viele von euch schauen da ganz genau hin. Was ist das für eine Palette? Welche Farben sind da drin? Und warum sieht das Ding, ehrlich gesagt, so schäbig aus?
Ich sag’s dir, wie es ist: Mein Kasten ist nicht schön. Er ist dreckig, verkratzt, über die Jahre gewachsen. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb
– spuckt er wunderschöne Farben aus.
Ich arbeite nicht mit einem luxuriösen Metallkasten, sondern mit einem leichten, einfachen Kunststoffkasten. Warum? Weil ich viel unterwegs bin. Ich schleppe meine Sachen durch Städte, in Züge, auf Hügel, an Küsten. Gewicht ist da kein Detail, sondern eine Entscheidung. Ein schwerer Metallkasten mag edel sein – aber er bleibt schneller zuhause.
Jeder, der malt, wünscht sich eine Palette, die sich richtig anfühlt – als wäre sie genau für ihn gemacht.
Viele wünschen sich eine ideale Zusammenstellung. Eine, die alles kann, die immer funktioniert. Aber diese Palette entsteht nicht über Nacht. Sie wächst. Über Jahre. Über Fehlkäufe, Lieblingsfarben, kleine Entdeckungen und große Irrtümer.
Am Ende hat man kein perfektes System – sondern ein sehr persönliches.
Und trotzdem: Ganz so chaotisch, wie mein Kasten auf den ersten Blick wirkt, ist er nicht.
Das System im Aquarellkasten
Doch wenn man genauer hinschaut, sind die Farbkästen von Künstlern längst nicht so chaotisch, wie sie auf den ersten Blick wirken.
Wenn man genauer hinschaut, steckt hinter fast jeder Künstlerpalette ein Prinzip. Manche kennen es bewusst, andere entwickeln es intuitiv über die Jahre.
Bei mir sind es die sechs Grundfarben. Und ich würde behaupten: Das ist der Schlüssel zum guten Mischen!
Warum sechs?
Man hört oft: Drei Grundfarben reichen. Rot, Gelb, Blau – fertig.
Das klingt logisch, ist aber in der Praxis zu grob. Wenn du wirklich sauber, differenziert und gezielt mischen willst, brauchst du mehr Kontrolle. Und die bekommst du über warme und kalte Varianten jeder Grundfarbe.
Meine Basis:
Warmes Gelb (Indischgelb, Schmincke)
Kaltes Gelb (Zitronengelb, Schmincke)
Warmes Rot (Geranienrot, Schmincke)
Kaltes Rot (Permanent Rose, Winsor & Newton)
Warmes Blau (Ultramarin, Winsor & Newton)
Kaltes Blau (Phthaloblau, Schmincke)
Diese sechs Farben sind kein Zufall. Sie sind dein Werkzeugkasten fürs Mischen.
Was bedeutet „warm“ und „kalt“ überhaupt?
Hier wird es spannend – und, wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen unbequem. Wer sich nicht gut auskennt, erkennt den Unterschied oft gar nicht.
Was bedeuted zum Beispiel warmes Blau oder kaltes Gelb?
Eine Farbe ist „warm“, wenn sie sich in Richtung einer warmen Nachbarfarbe bewegt. Und „kalt“, wenn sie in Richtung einer kühlen tendiert.

Schau mal in den Farbkreis. Oben ist Feuerrot, die wärmste Farbe.
Es gibt ein Blau das liegt oben im Kreis, das ist ein warmes Blau (Ultramarin) , es ist fast Lila, das heißt es enthält ein bisschen Rot. Dann ist das Blau warm!
Zitronengelb liegt direkt neben Grün, es neigt sich zu Grün, und enthält einen Hauch Blau, deshalb ist es kalt.
Das klingt theoretisch, wird aber sofort praktisch, sobald du mischst.
Warum sind kalte und warme Grundfarben im Aquarellkasten so wichtig?
Oft wird gesagt das man 3 Grundfarben braucht um präzise zu Mischen! Das ist Quatsch!
Wer genau Mischen möchte braucht mindestens 6.
Jede Grundfarbe hat eine Tendenz zu einer Nachbarfarbe.
Gelb kann sein:
kaltes Gelb, Zitrone → Richtung Grün
warmes Gelb, Indisch → Richtung Orange
Das ist bei jeder Farbe so!
Und genau hier liegt der Trick.
tell dir vor, du willst ein leuchtendes Grün.
Dann nimmst du:
kaltes Gelb + kaltes Blau
Beide Farben „wollen“ Richtung Grün. Sie arbeiten zusammen. Das Ergebnis wird klar, frisch, fast strahlend.
Nimmst du stattdessen:
warmes Gelb + warmes Blau
dann passiert etwas völlig anderes. Beide Farben bewegen sich vom Grün weg. Indischgelb Richtung Orange, Ultramarin Richtung Violett. In dieser Mischung steckt also indirekt Rot – und Rot ist die Gegenfarbe von Grün.
Was passiert? Das Grün wird gebrochen. Gedämpft. Natürlicher. Oliviger.
Und genau da beginnt Kontrolle.
Du entscheidest nicht mehr zufällig, was passiert. Du steuerst, ob eine Farbe leuchtet oder zurücktritt.
Dieses Prinzip gilt für alle Mischungen.
Wenn sich Farben zur Mischfarbe hin bewegen → leuchtend
Wenn sie sich von ihr weg bewegen → gebrochen
Das ist kein Trick. Das ist die Grundlage.
Und genau deshalb sind diese sechs Farben das Fundament von allem.
- Warmes Gelb ( Indischgelb Schmincke)
- Kaltes Gelb ( Zitronengelb Schmincke)
- Warmes Rot (Geranienrot Schmincke)
- Kaltes Rot (z. B. permanent Rose Winsor and Newton)
- Warmes Blau (z. B. Ultramarin Winsor and Newton)
- Kaltes Blau (z. B. Phthaloblau Schmincke)
Jetzt habe ich noch weitere Farben im Kasten. Und die bieten mir zusätzliche Möglichkeiten.
Naturtöne:

Regen in Girona: Auch Naturfarben sind wichtig!
Meine sechs Grundfarben sind rein. Aber erst die natürlichen, gebrochenen Farben machen einen Kasten wirklich vollständig.
Siena Natur (Schmincke) – für sandige, warme, natürliche Flächen
Gebrannte Siena (Winsor & Newton) – bricht Rottöne, ergibt mit Ultramarin ein tiefes Dunkel
Buff Titanium – wunderbar, um grelle Farben zu beruhigen, besonders in weichen Schatten
Satte Farben , tiefe Dunkelheit:
Kontraste machen Bilder ausdrucksstark. Ohne Dunkelheit kein Licht. Und ohne Kontrast kein Ausdruck.
Indigo – fast schwarz, aber ein starkes Blau
Permanent Alizarin – dunkles, leuchtendes Rot
Dioxazin Violett – unglaublich tief und satt
Die Farben von Sennelier sind mit Honig gebunden, ein bisschen klebrig – dadurch fällt es leichter, satte, dunkle Farben zu malen.
Granulation:
Granulierende Farben sind für mich wie Gewürze. Man braucht sie nicht immer – aber wenn, dann machen sie den Unterschied. Diese kleinen Tupfen lassen Bilder lebendig werden.
Cobalt (Roman Szmal)
Französisches Ultramarin (Winsor & Newton)
Geothit (Roman Szmal) – ähnlich Siena Natur, aber mit lebendiger Struktur
Jeder Farbnerd hat Lieblingsfarben im Aquarellkasten!
Jetzt kommt der unvernünftige Teil. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich habe Farben, die ich nicht brauche – aber liebe. Schuldig im Sinne der Anklage! Ein Farbkasten ohne Lieblingsfarben ist nix! Obwohl ich die meisten dieser Farben mixen könnte, habe ich sie einfach, weil ich sie begehre.
Oxide Orange, ausdrucksstarkes Orange (Roman Szmal) – da ist immer ein Loch drin, weil ich es so viel benutze!
Vert Turquoise von Sennelier – kühle Leuchtkraft.
Ingwer Orange von Roman Szmal– leuchtende Farbspritzer, deckend.
Royal Blue von Sennelier (das ist das Himmelsblau!).
Brauche ich diese Farben? Nein.
Bin ich gierig auf sie? Ja!!!!
Chaos oder System im Aquarellkasten:
Von außen wirkt mein Kasten wie ein wildes Sammelsurium. Aber im Kern basiert alles auf den sechs Grundfarben.
Hinzu kommen Farben, die mir Eigenschaften bieten, die meine sechs Grundfarben nicht abdecken.
Wichtig ist: Ich verliere trotz Vielfalt nie die Kontrolle über das Mischen.
Oft sind Farben desselben Pigments mehrfach im Kasten, weil sie sich nur in einer Kleinigkeit unterscheiden.
Ultramarin + Französisches Ultramarin: Das eine granuliert, das andere nicht! Dasselbe gilt für Siena gebrannt und Geothit. Dadurch behalte ich den Überblick.
Mein Tipp für dich
Fang nicht mit zwanzig Farben an.
Arbeite mit den sechs Grundfarben. Wirklich. So lange, bis du sie im Gefühl hast. Bis du nachts weißt, welche Mischung was ergibt.
Und dann erweitere deinen Kasten – gezielt.
Achte auf Pigmente. Vermeide Farben mit zu vielen Bestandteilen. Je klarer eine Farbe aufgebaut ist, desto besser lässt sie sich mischen.
Und dann passiert etwas Schönes:
Dein Kasten wird nicht perfekter. Aber er wird deiner.
Dies ist meine aktuelle Palette:
Warmes Gelb (Indischgelb, Schmincke)
Kaltes Gelb (Zitronengelb, Schmincke)
Siena Natur (Schmincke)
Geothit (Roman Szmal, granuliert)
Buff Titanium (deckend)
Gebrannte Siena (Winsor & Newton)
Warmes Rot (Geranienrot, Schmincke)
Kaltes Rot (Permanent Rose, Winsor & Newton)
Oxide Orange (Roman Szmal)
Ingwer Orange (Roman Szmal) – für Spritzer
Warmes Blau (Ultramarin, Winsor & Newton)
Französisches Ultramarin (granulierend)
Permanent Alizarin (Sennelier)
Dioxazin Violett (Sennelier)
Kaltes Blau (Phthaloblau, Schmincke)
Indigo (Sennelier)
Cobalt (Roman Szmal)
Vert Turquoise (Sennelier)
Royal Blue (Sennelier)
Und nun ist es deine Aufgabe, ganz langsam und genussvoll deine eigenen Farben zu finden.
Liebe Grüße Tine
Kleine Spenden machen einen großen Unterschied.




























