Wasser malen – so vielfältig wie das Wasser selbst

Wasser malen – immer zappelt es!

Wasser malen, Tutorial Aquarell, Tine Klein, Lago Maggiore.

Manchmal macht mich Generation Internet wahnsinnig! So wahnsinnig, dass ich fast glaube, das irrsinnig blöde Macarena-Tanzen meiner Generation nach drei Pina Colada sei eine super vernünftige und sehr sachliche Sache gewesen!

Ja, tatsächlich bin ich geboren, als die letzten Dinosaurier schlüpften. In den siebziger Jahren hüpfte ich im Wohnzimmer mit einer Antenne über dem Kopf rum, damit mein Vater mit dem brandneuen Fernseher Fußballweltmeisterschaft gucken konnte. Und ja, damals gab es noch kein Internet.

Unser Fernseher war Schwarz-Weiß, und das hatte riesige Vorteile! Man musste sich nämlich selbst vorstellen, welche Farbe etwas hatte.

Und an dieser Stelle kommen wir zum Wasser malen!

Heute werden die Menschen von einer Bilderflut umgehauen, und sie glauben, jedes einzelne Bild sei die absolute Wahrheit! Ein Standbild, das den Tatsachen entspräche!

Was an irrsinnigen Wahnsinn grenzt, gerade in Zeiten von KI, wo so ziemlich jedes zweite Bild vollkommen manipuliert ist.

Das ist mindestens so wahnsinnig wie volltrunken mit einem Mitteleuropäer ohne Taktgefühl Macarena zu tanzen!

Die meisten Menschen suchen irgendwie einen Halt. Sie wünschen sich Zusagen:

Ja, so ist es! So muss ich es zeichnen oder malen!

Doch die wirkliche Ruhe kommt:

Wenn man sich der Schönheit des Beobachtens hingibt. Der eigentliche Genuss am Wasser malen ist die Beobachtung!

Stell dir mal vor, du bist am Wasser. Du riechst das Frühjahr! Die Wellen schaukeln, und das Licht reflektiert auf dem Wasser. Das Wasser wirft dir ganz unterschiedliche Farben entgegen. Es wird langsam dunkel, die Kälte schleicht sich heran.

Wie genau muss ich also die Farbe des Wassers jetzt malen?

Lustig an dieser Frage ist, dass Wasser gar keine Farbe hat!

Wasser ist meist nur ein Spiegel. Wenn sich die Kälte heranschleicht,

wechselt die Farbe des Wassers rasant, von Sekunde zu Sekunde!

Der größte Anteil der Farben, die du siehst, wird aus der Umgebung reflektiert.

Oft ist Wasser blau. Das ist der Farbanteil, der aus dem Himmel stammt.

Die Schwebstoffe wie Sand oder Schlamm machen es grün.

In den frühen Morgen- und Abendstunden reflektiert das Wasser das Licht, und es entstehen warme Farbtöne.

Je flacher du über das Wasser schaust, desto mehr reflektierte Farbe hat es. Schaust du steil ins Wasser, schaust du hinein.

Und zu allem Überfluss bewegt sich das Wasser auch noch.

Diesen Sommer wirst du viele Artikel über das Wasser malen lesen. Weil ich im Herbst eine Kursserie Wasser malen gebe.

Aktuelle Kurse mit Tine Klein

https://blog.herz-der-kunst.ch/aktuelle-kurse-tine-klein/

Falls du Interesse hast, melde dich bitte jetzt schon an! Dann können wir besser planen. Anfänger wie Fortgeschrittene sind herzlich willkommen.

Wasser malen – es gibt sehr unterschiedliche Methoden!

Beim Malen des Wassers gibt es sehr unterschiedliche Methoden. Eine, die mir am besten gefällt, ist das Reduzieren.

Wasser malen klappt gut , wenn man es auf die eigenen Sinneseindrücke reduziert!

Wenn ich da also in der feuchten Luft am Lago sitze, dann zögere ich nicht! Ich werfe mit aller Macht meine Sinneseindrücke auf das Papier.

Sehen! Und drauf damit, nicht nachfragen.

Ich bin die Göttin meines Blattes, und ich entscheide!

So ist Wasser malen immer eine Vielzahl von Entscheidungen. Wenn das Wasser mich nicht interessiert, dann reicht es mir, das Wasser auf wenige Striche zu reduzieren:

Wasser malen, Tutorial Aquarell, Tine Klein, Basel

Wasser malen kann einen wahnsinnig machen.

Weil es einfach viel zu viel ist. Deshalb ist es sinnvoll, das Wasser auf die eigenen Sinneseindrücke zu reduzieren:

Wasser malen, Tutorial Aquarell, Tine Klein, Lago Maggiore.

Hier sitze ich am Ende des Winters am Lago Maggiore. Die Dunkelheit und Kälte krabbeln so langsam über die Berge. Aber auf dem Wasser spiegelt noch das goldene Licht.

Ich fange meine Sinneseindrücke ein wie ein Radio.

Deshalb wird mein Wasser gelb. Es ist das Abendlicht, was mich interessiert.

Ich beobachte die Spiegelung des Ufers im Wasser, und deshalb zeige ich sie. Besonders spannend finde ich die Poller am Anlegesteg, deshalb sind dort die Spiegelungen besonders ausgeprägt.

Ich reduziere also das Wasser malen auf meine eigenen Eindrücke, auf das, was mich interessierte. Dadurch wird es machbar.

Wie hier am Mont Saint-Michel. An diesem Tag wird das Wasser bretonisch grau!

Wasser malen – die rasante Methode:

Der trockene Strich ist unzweifelhaft die schnellste Methode, um Wasser zu malen. Wie funktioniert es? Mit einem großen Pinsel zieht man sehr schnelle Striche.

So fängt man die Reflektionen des Wassers ein. Diese Methode ist schön und spektakulär, das Wasser lässt sich mühelos in wenigen Sekunden malen!

Wasser malen über vertikale Reflektionen:

Dies ist auch eine ganz einfach zu bewerkstelligende Methode. Man spiegelt Motivanteile ins Wasser und verwischt sie dann.

Im Prinzip malt man das Motiv in einer sehr abgespeckten Version und verwischt es dann zusätzlich noch horizontal, dies funktioniert einfach und schnell.

Wasser malen Basel rochetürme Tine Klein Urban Sketching Aquarell

Basel Rochetürme

Weniger ist dabei mehr!

Wasser malen nass in nass!

Wasser malen in der Nass-in-Nass-Technik ist sicherlich die am kompliziertesten zu handhabende Technik.

Diese Technik ist nicht nur eine Technik, sondern ein ganzes Bündel von Techniken.

Tatsächlich sind diese Techniken viel einfacher als ihr Ruf.

Schon der Name dieser Technik ist ein Fehler!

Denn nass in nass funktioniert diese Technik überhaupt nicht! Sie müsste trocken in feucht heißen!

Die ganze Pinselsteuerung kann ich euch hier leider nicht erklären! Ich würde mich sehr freuen, euch im Herbstkurs zu sehen! Das Ganze ist jedoch kein Zauberwerk, man arbeitet mit trockenen Pinseln auf feuchtem Untergrund, und dann klappt es!

Costa Brava. Das Wasser wurde mit Siena Natur angelegt. Darauf kam eine Schicht Türkis, und in diese Schicht wird feuchtes, dunkleres Blau gemalt. Es wird mit einem nicht zu nassen Pinsel Dunkelblau in die Flüssigkeit aufgetragen.

Costa Brava.

Beim Bild unten, Basel Mittlere Brücke, werden ein paar Farbakzente in eine einfache Untermalung getropft. Die Farben lehnen sich an das Motiv an, so werden Wasser und Motiv verschmolzen.

Basel Mittlere Brücke Tine Klein Tutorial Wasser malen, Aquarell , urban Sketching

Basel Mittlere Brücke.

Eines hat die Nass-in-Nass-Technik gemeinsam, es wird immer in feuchter Farbe gearbeitet. Je nach Wunsch oder Meisterschaft kann die Technik einfach oder höchst kompliziert sein.

Tutorial Wasser malen Tine Klein

Wer so etwas lernen möchte, wird sich damit auseinandersetzen müssen, wie man einen Pinsel steuert!

Fazit:

Der Erwerb dieser Fähigkeit ist ein Schlüsselerlebnis! Wer das kann, hat Wasser malen im Griff!

Plötzlich kann man ohne Mühe festhalten, was man sieht, lebt und fühlt!

Der Erwerb dieser Technik lohnt sich!!

Doch die eigentliche Schlüsselfähigkeit, die dich gut und spontan malen lässt, ist das Beobachten und

….dann darfst du wie eine Gottheit schnell und ohne Reue Entscheidungen treffen!

Liebe Grüße
Tine

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Motive vereinfachen ein Weg zu schönen Bildern.

Motive vereinfachen – Warum?

Motive vereinfachen ist nicht ganz einfach. Und warum sollte man so etwas überhaupt tun? Wenn man doch einfach alles abzeichnen könnte?

Diese Frage geht direkt ins Herz der Bildwirkung…

und wird dich zu besseren Bildentwürfen führen.

Faulheit mit vielen positiven Effekten.

Motive vereinfachen Tutorial von Tine Klein Motiv Estavayer le lac

 

(So schön ist die Schweiz – Estavayer-le-Lac – zauberhafte Kleinstadt – Tine Klein)

Der erste wirklich sinnvolle Aspekt ist, dass dir das Vereinfachen von Motiven das Leben leicht macht.

Du kannst schnell und effektiv malen und zeichnen.

Und damit wird es dir deutlich einfacher, spontan künstlerisch tätig zu werden. Alles, was einfach ist, macht man häufiger, und die Häufigkeit und Übung ist oft die Basis von künstlerischer Meisterschaft.

Wer locker und brillant werden möchte, braucht viel Übung, und da schadet es nicht, die Sache zu vereinfachen.

Doch Motive vereinfachen hat auch enorm viele positive Effekte.

Welche sind das?

Motive vereinfachen, weil es das Gehirn liebt.

Hast du schon mal im Gras gelegen und den Wolken beim Ziehen zugesehen?

Dabei ritten Pferde über den Himmel, alles Mögliche entstand in deinem Kopf, während du den Wolken beim Ziehen zusahst!

Unser Gehirn ist ein extrem effizientes Muster-Erkennungs-System.


Wenn Informationen fehlen, versucht es automatisch, diese zu ergänzen. Und dies macht dem Menschen Spaß! Wenn du also nicht alles malst oder zeichnest, dann muss der Betrachter mitmachen.

So wird er zum Teil deines Bildes, und dies macht ihm Freude, er verbindet sich mit deinem Werk!

Das erzeugt emotionale Aufmerksamkeit und Beteiligung! Davon träumen viele sehr gute Zeichner und Maler! Sie erreichen diese Beteiligung nicht, weil sie zu detailliert sind.

Motive vereinfachen – weil es spannend ist!

Totale Vollständigkeit und auch totale Perfektion sind oft ein wenig langweilig.

Wenn etwas anders ist als sonst, erzeugt das Erinnerbarkeit.

Wenn man also Dinge frech weglässt, dann stutzt der Betrachter.

Es entsteht visuelle Spannung.

Oft lässt man Dinge weg, und dadurch erhält das Bild eine ungewöhnliche Form. Eine Richtung.

Diese Richtung entsteht dadurch, dass man nur das Wichtigste zeigt. Und dadurch entsteht eine Bewegung im Bild. Dies nennt man Informationspfad oder Line of Action. Das Auge gleitet daran entlang, weil es spannend ist. Dadurch wird das Auge spielerisch geführt, und der Betrachter begreift sofort, worum es geht.

Das erzeugt eine gute Kommunikation zwischen dir und deinem Betrachter.

Das Wesentliche sichtbar machen.

Die meisten schlechten Bilder sterben an zu viel!

Wenn du alles malst, konkurriert alles miteinander.

Wenn du weglässt, passiert etwas extrem Gutes:

→ Die wichtigen Dinge werden stärker.

Du erzählst dem Betrachter, was dir persönlich wichtig ist.

Durch das Weglassen wird das Bild einfacher, aber auch stärker.

Das Bild erzählt besser, weil es deinen Standpunkt klar macht!

Das hängt eng mit dem Bildzentrum zusammen. Bilder, die kein Bildzentrum haben, werden vom Betrachter oft als chaotisch wahrgenommen. Bilder, die dem Betrachter vorkommen wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer. Das stört die Ästhetik!

Wer jedoch in seinem Bild ein Zentrum bildet, vermeidet das. Und dies hat sehr viel damit zu tun, dass man unwichtige Details weglässt.

Zusammenfassend kann man dazu sagen:

Das Gehirn liebt Einfachheit, denn sie steigert die Lesbarkeit eines Bildes.

Der Betrachter möchte es einfach mit einer Prise Spannung!

Beides erzeugt man durch die Reduktion von unwichtigen Bildanteilen.

Das Geheimnisvolle wirkt attraktiver als das Erklärte.

Motive vereinfachen ist nicht ganz einfach, denn wir können ein Motiv nicht mehr wie eine Arbeitsbiene abarbeiten.

Weglassen bedeutet Reife und künstlerische Autorität.

Motive vereinfachen entsteht in drei Schritten:

Ich habe gesehen.
Ich habe verstanden.
Ich habe gewählt.

Der Betrachter spürt: Hier ist ein Mensch am Werk, der die Sache verstanden hat und der mutig Entscheidungen trifft.

Das nehmen viele Betrachter als Kompetenz wahr!

Deshalb ist Motive vereinfachen so schwer, weil man auf gut Deutsch:

… den Arsch in der Hose haben muss, seine eigenen Entscheidungen zu treffen!

Mein Tipp dazu:

So schwer wie es fällt, mach es einfach!

Nur wer sich traut, macht die ersten Schritte.

Dafür braucht man wie für alles andere beim Malen und Zeichnen Übung, und

die Kompetenz beim Motive vereinfachen wächst mit dem Tun.

Mach dir klar, es kann nicht bei den ersten Versuchen klappen!

Nur Mut!

Eines wird dir sehr helfen!

Mysteriöses wirkt auf den Betrachter sehr attraktiv. Der freie Raum im Bild wird durch die Fantasie des Betrachters gefüllt. Viel mehr Menschen können sich mit dem Bild identifizieren, denn sie interpretieren ihre eigenen Geschichten und Gefühle hinein.

Meglassen schaft Raum für das Wesentliche!

Motive vereinfachen bedeutet, dass du dir darüber klar sein musst, was dir an dem Motiv wichtig ist.

Dein Bild wird aussagestärker, und der Betrachter liebt es, weil er sich selbst ins Spiel bringen muss.

Doch noch etwas passiert: Das Bild erhält mehr Raum.

Das Papierweiß erscheint!

Gerade im Aquarell ist Weglassen pures Gold. Es wirkt locker, frei und luftig.

Liebe Grüße
Tine

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Aquarell und Zufall. Warum Zerstörung schön ist!

Zerflossen schön – warum Aquarell und Zufall zusammengehören

Ist dir schon mal etwas Blödes passiert, und daraus ist etwas Wunderschönes geworden?

Müssen wir perfekt sein, damit etwas Schönes entsteht?

Vor Jahren gab es einen Tag, an dem ich eine Pechsträhne hatte. Ich stritt mich mit meinem Freund, kippte mir dabei Kaffee über mein weißes Shirt. Empört stampfte ich davon, trat auf meinen Schnürsenkel, und dieser riss – und ich knallte hin. Dabei verpasste ich den Bus, geriet in einen Regenschauer und stand total deprimiert an der Bushaltestelle. Ich war nicht sexy, meine Haare klebten am Kopf, meine Kleidung war dreckig, und ich sah aus wie ein zerrupftes, tropfnasses Huhn.

Ein sehr, sehr übellauniges Huhn.

Ungewöhnliches erregt Aufmerksamkeit. Vielleicht hätte er mich sonst übersehen.

Da traf ich einen Mann, der herzhaft lachte und eine Bürste aus der Tasche zog, damit ich mich herrichten konnte. Ich habe ihn später geheiratet, und er liebt mich merkwürdigerweise immer noch.

Was hat das mit Aquarellieren zu tun?

Wenn im Aquarell der Zufall übernimmt

Es gibt diesen einen Moment im Aquarell, da verliert man scheinbar die Kontrolle, man ärgert sich und ist erzürnt. Das Wasser läuft, ein Tropfen platzt in die Lasur – die Farbe fließt, macht, was sie will. Und statt zu verzweifeln, sollte man eigentlich jubeln. Denn genau hier beginnt das, was Aquarell und Zufall gemeinsam so faszinierend macht:

Der Tanz zwischen Kontrolle und Chaos.

Wer meint, ein gutes Aquarell sei glatt und perfekt, hat die Seele dieser Technik nicht verstanden. Aquarell ist keine Technik der glatten Oberfläche, sondern eine der lebendigen, atmenden Haut.

Eine Wasserfleckkante, eine sogenannte „Backrun“, ist nicht immer nur ein technischer Mangel.

Sie ist Ausdruck eines Prozesses – sie zeigt, dass sich hier Wasser, Pigment und Papier selbst ausdrücken durften.

Jeder Unfall hat ein Potenzial. Und nun kommen wir zum Leitsatz meines Liebsten:

Wenn du in drei Monaten drüber lachen kannst, dann lache lieber gleich!

Warum uns Aquarell und Zufall berühren

Wir Menschen lieben das Lebendige.

Unser Gehirn ist darauf gepolt, Leben zu erkennen – in Bewegungen, in unregelmäßigen Strukturen, in der Veränderung. Und genau das liefern uns spontane Aquarelle. Sie wirken wie etwas, das gerade eben passiert ist – frisch, flüchtig, lebendig.

Kein Wunder, dass lose und freie Aquarelle so anziehend wirken:

Sie erzählen vom Moment, vom Jetzt.

Und keiner, der jemals gelebt hat, glaubt, dass das „Jetzt“ ohne Störungen funktioniert.

Psychologisch gesprochen reagieren wir besonders stark auf natürliche Strukturen, die sogenannte Fraktale (Unregelmäßigkeiten) enthalten. Diese finden sich überall in der Natur, aber auch im Leben: in Wolken, in Wasserläufen, in Baumrinden – und eben auch in einem gut gesetzten Farbverlauf oder einem zerlaufenden Tropfen.

Unser Gehirn liebt diese Unregelmäßigkeiten, weil sie uns an das erinnern, was wir als „echt“ empfinden.

Ein perfekt kontrolliertes Bild hingegen?

Das beeindruckt, weil es enormes Können zeigt – aber reines Können berührt selten.

Möchtest du Menschen berühren – oder vor allem dein Können zeigen?

Es fehlt das Risiko, das Lebendige, die Möglichkeit des Scheiterns – und damit auch die Tiefe.

Oft sind es das Ungewöhnliche, die Zerstörung, die Emotion und der Kampf, die Betrachter mehr interessieren. Wer von uns ist schon perfekt?

Aquarell und Zufall erzählen Geschichten – und wir lieben Geschichten mehr als Perfektion.

Aquarell lernen an der Grenze des Zufalls

Wer nur malt, was funktioniert, wird sich kaum entwickeln. Richtig spannend wird es da, wo Dinge kippen – wo die Lasur zu feucht ist, das Papier sich wölbt, die Farben sich nicht an die Planung halten.

Der Unfall zwingt uns zum Lernen.

Denn hier zeigt das Aquarell seine wahren Gesichter – und zwingt uns, zu reagieren, zu improvisieren, zu verstehen.

Es geht nicht darum, dilettantisch und unfähig zu malen.

Es geht um das Spiel mit dem Zufall – und um die Bereitschaft, Fehler als Geschenk zu sehen.

Malerinnen und Maler, die sich bewusst an die Grenzen der Technik wagen, lernen schneller. Weil sie Erfahrungen machen.

Nicht nach Rezept, sondern durch Versuch und Irrtum. Sie erleben, wie Farbe auf zu nassem Papier reagiert, wie Pigmente ausblühen, wie viel Wasser „zu viel“ ist.

Und irgendwann wird aus dem Zufall Können – nicht, weil man ihn kontrolliert, sondern weil man ihn versteht.

Die Kunst, das Unfertige zu lieben

In einer Welt, in der vieles glatt und durchdesignt ist, sind spontane Aquarelle wie ein Gegenzauber. Sie zeigen, dass Schönheit nicht Perfektion braucht – sondern Mut. Mut, etwas zu beginnen, ohne das Ende zu kennen. Mut, den Pinsel einfach mal fliegen zu lassen. Mut, dem Wasser zu vertrauen.

Mit ungebremsten und leicht zügellosen Pinselstrichen zeigst du dem Betrachter etwas anderes als das Abbild eines Motivs.

Das Nichtnormgerechte bringt eine Gefühlstiefe, die du mit Kontrolle nicht hinbekommst.


Das perfekte Sujet, um die Kontrolle zu verlieren.

Was wäre ein Himmel ohne ein paar unkontrollierte Wolken? Wolken sind ein gutes Beispiel: nie regelmäßig und nie perfekt. Man möchte den Wind, das Licht oder den Regen sehen.

Wer Wolken malt, sollte an einigen Stellen zu viel Wasser benutzen, damit die Farben etwas Verrücktes tun.

Genau hier entfalten sich Aquarell und Zufall in ihrer schönsten Form.

Ein gutes Aquarell atmet. Es lebt von Kontrolle und Loslassen.

Und das ist kein Fehler, das ist das Herz der Sache.

P. S.: Wenn du zehn Bilder zerstörst und nur ein einziges atemberaubendes entsteht, ist das kein Zeichen des Versagens – es ist ein Zeichen von künstlerischem Wagemut.
Denn ohne Risiko gibt es keine Überraschung – und ohne Aquarell und Zufall keinen Esprit.

Liebe Grüße
Tine

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Rhytmus die unbekannte Macht in Zeichnung und Malerei

Lass die Türme hüpfen -Rhytmus!

Rhythmus hat große Wirkung, ist aber ein leises Thema.

Denn es gibt erstaunlich wenige Antworten zum Thema Rhytmus.

Wer künstlerische Fähigkeiten erlernen möchte, hat es oft schwer! Denn Wichtiges wird von Künstlern intuitiv gemacht, sie können es nicht beschreiben.

Wer ernsthaft malen oder zeichnen lernen will, stößt schnell an Grenzen.

Nicht an die eigenen, sondern an die der verfügbaren Informationen.

Gute Fachliteratur ist rar.  Verlage investieren dort, wo Auflagen stimmen. Zeichnen und Malerei – erst recht auf Deutsch und auf hohem handwerklichem Niveau – gehören nicht dazu. Schreiben wird zur brotlosen Kunst, wenn es nicht ein massengängiges Thema ist. Und genau deshalb verschwinden anspruchsvolle Themen langsam aus den Büchern.

Und genau deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du an eine Spende denkst!

Rhythmus, das schweigende Thema:

Man findet wenig bis nichts zum Thema Rhythmus!

Schade! Selbst international findet man dazu erstaunlich wenig. In hervorragenden Büchern vielleicht eine halbe Seite.

Als wäre das Thema nebensächlich.

Dabei ist Rhythmus eine der kraftvollsten Komponenten in Zeichnung und Malerei. Er lenkt das Auge, zieht den Blick ins Bild, hält ihn dort. Er erzeugt Spannung, Ruhe, Bewegung. Kurz: Er entscheidet mit darüber, ob ein Bild wirkt.

Was ist Rhythmus?

Schon bei der Definition fängt es an: schwierig.

Ich würde sagen, Rhythmus ist die Abfolge, wie man Flächen, Linien oder Hell und Dunkel, die durch ihre Bewegung ein Bild organisiert, indem es das Auge dorthin zieht, wo es landen soll!

Die Gleichförmigkeit ist der langweiligste Rhythmus!

Wenn du alles sauber und gleichmäßig zeichnest oder malst, dann hat dies eine mäßige Anziehungskraft auf das Auge.

Es ist langweilig! Das passiert immer dann, wenn man in einer Zeichnung Dinge mechanisch wiederholt. Das kann gut wirken, wenn man an dieser Stelle Ruhe im Bild braucht.

Stell dir mal einen Saal voll Paare vor, die Walzer tanzen. Alle tanzen 1, 2 und 3, dann 1, 2 und 3 und so weiter. Auf die Dauer würde das langweilig! Und plötzlich schwillt die Musik dramatisch an. Und plötzlich folgen dramatische Drehungen! Oh wie schön! Und plötzlich tanzen alle wieder im Takt!

Das heißt, der Ausbruch aus der Normalität erzeugt Aufmerksamkeit und lockert das strenge und gleichförmige Gefüge auf.

Und genau dies funktioniert Rhytmus auch beim Zeichnen und Malen!

Über Rhythmus wird wenig geschrieben, weil man ihn eher spürt, als dass man eine feste Regel an die Hand geben kann.

Aber die Faustregel ist: Alles, was monoton ist, wird auf Dauer langweilig.

Wenn ich einen Zaun gleichförmig in ein Bild führe, dann führt er den Blick, aber eben nur ganz lahm.

Wenn ich die Linie aber ab und zu breche, Zaunpfähle aus der Reihe tanzen lasse, dann wird der Zaun zum Magneten für das Auge! Das Auge folgt!

Das ist die Macht des Rhythmus! Paul Klee drückt dies so aus:

„Drawing is taking a line for a walk.“

Zeichne zehn exakt gleich lange, gleich dicke Striche nebeneinander. Das ist Wiederholung, aber noch kein Rhythmus.
Jetzt variiere: Mache ab und zu einen langen Strich, zwei kurze, einen dicken, einen dünnen oder einen krummen. Oder Ordne die Striche in Gruppen.

Plötzlich beginnt das Auge zu springen, zu pendeln, zu folgen.

Rhythmus entsteht. So entsteht Rhythmus in einer Zeichnung oder in einem Aquarell!

Tipp: Lass es hüpfen! Jedoch achte darauf, dass aufregende Bewegungen einen Sinn haben! Sie müssen zum Bildzentrum führen!

Warum unser Gehirn auf Rhytmus reagiert

Neurowissenschaftlich ist das gut belegt: Unser Gehirn liebt Muster –

aber es liebt sie nur, wenn sie nicht vollkommen vorhersehbar sind.

Reine Gleichförmigkeit langweilt, reines Chaos überfordert. Rhythmus liegt genau dazwischen. Er gibt Halt und Freiheit zugleich.

Schau zum Zaun: Der Zaun hat eine Höhe, der Zaun hat eine Richtung und er hat regelmäßige Latten, und doch sind da diese hüpfenden Latten! Die Latten hüpfen, und auch da gibt es einen kleinen Takt mit Ausreißern.

Schau dir mal das Licht auf dem Mont Saint Michel an!

Auf der linken Seite haben wir viermal drei Linien diagonal nebeneinander, ein gleichförmiger Takt mit ein paar Ausreißern. Die Dreierkombination wird wiederholt wie beim Walzer, jedoch in klein und groß variiert. Er führt hoch zum Gipfel. In der Mitte des Bildes wechselt das plötzlich. Der Takt wird unterbrochen und das Licht wechselt zur Dunkelheit. Jetzt sind die Dreierpaare der Linien anders verteilt und winzig – das macht den Effekt.

Kandinsky sagt:

„In der Malerei wird das Rhythmische fast geometrisch aufgebaut …“
„Das Rhythmische … entsteht in der Malerei wie in der Musik durch Dissonanz.“

Hier wird klar: Rhythmus ist Struktur, Bewegung — nicht Dekoration.

Er entsteht durch Gleichförmigkeit, den Bruch und eine Richtung!

Was macht der Rhythmus fürs Bild?

Rhythmus lenkt den Blick.

– Wiederkehrende Linien führen das Auge und erzeugen Harmonie und Gemeinsamkeit.
– Abstände erzeugen Atempausen, aber sie gliedern auch und erzeugen Aufmerksamkeit.
– Verdichtungen erzeugen Spannung.
– Auflockerungen unterbrechen und machen es offener.

Schau in den Zaun! Lange und kurze Linien sind wie in einem Takt organisiert. Der Rhythmus erzeugt Spannung!

Nur vorhersehbar ist der Takt nicht!

Warum ist Rhythmus so wichtig?

Das Auge „liest“ Linien wie Bewegungsanweisungen. Deshalb wirken manche Zeichnungen dynamisch, andere starr. Weil sich in der Linie nichts ändert!

In einer Zeichnung oder einem Bild läuft nichts ohne Organisation!

Stell dir wieder den Ballsaal vor: Die Paare tanzen Walzer, schöne große geschwungene Kreise. Stell dir vor, der Rhythmus ist weg? Chaos bricht aus. Jeder tanzt etwas anderes.

Der Rhythmus macht in der Zeichnung etwas Ähnliches. Er organisiert die Details.

Er organisiert den Blick! Und es gibt langweilige und aufregende Organisationsmethoden. Der Walzer wäre ja auch langweilig, wenn wir stur die selben drei Schritte wie Roboter machen würden.

Wo viele Zeichner scheitern, weil sie dies vergessen!

Viele konzentrieren sich zu früh auf Details. Sie „verzieren“, bevor der Rhythmus steht. Das ist, als würdest du einen Tanz choreografieren und mit den Fingerspitzen anfangen, bevor du weißt, wie der Körper sich bewegt.

Die Aufmerksamkeit lenken.

Der Zeichner oder Maler möchte das in Szene setzen, was er sieht. Das Wichtige soll aufregend sein, Uninteressantes eher ruhig.

Dort, wo sich der Takt verdichtet oder abbricht, entsteht Spannung:

wilde Striche, Linienknäuel, dunkle Tonwertballungen, Detailhäufungen

Diese wilden Dinge gehören in dein Bildzentrum oder auf den Weg dorthin.

Ruhe, Monotonie und Auflockerung bringen Ruhe:

weniger Linien, größere Abstände, geringere Kontraste, vereinfachte Formen.

Das alles gehört zu den Stellen im Bild, die nicht wichtig sind.

Viele Zeichnungen scheitern daran, dass alles gleich behandelt wird. Gleiche Linien, gleiche Abstände, gleiche Aufmerksamkeit. Das Auge bekommt keine Anleitung.

Rhythmus ist diese Anleitung.

Liebe Grüße
Tine

Ich sage es offen: Ohne Unterstützung verschwinden solche Themen langsam. Wenn du möchtest, dass Wissen über Zeichnung und Malerei weiterlebt, dann denke an eine Spende. Fördere Kultur. Fördere Sprache. Fördere Kunst.


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