Mein persönlicher Aquarellkasten!

Girona tutorial Aquarellkasten Tine Klein

Im Instagram blitzt er immer mal wieder auf – mein Aquarellkasten. Und ja, ich weiß: Viele von euch schauen da ganz genau hin. Was ist das für eine Palette? Welche Farben sind da drin? Und warum sieht das Ding, ehrlich gesagt, so schäbig aus?

Ich sag’s dir, wie es ist: Mein Kasten ist nicht schön. Er ist dreckig, verkratzt, über die Jahre gewachsen. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb

– spuckt er wunderschöne Farben aus.

Ich arbeite nicht mit einem luxuriösen Metallkasten, sondern mit einem leichten, einfachen Kunststoffkasten. Warum? Weil ich viel unterwegs bin. Ich schleppe meine Sachen durch Städte, in Züge, auf Hügel, an Küsten. Gewicht ist da kein Detail, sondern eine Entscheidung. Ein schwerer Metallkasten mag edel sein – aber er bleibt schneller zuhause.

Jeder, der malt, wünscht sich eine Palette, die sich richtig anfühlt – als wäre sie genau für ihn gemacht.

 

Viele wünschen sich eine ideale Zusammenstellung. Eine, die alles kann, die immer funktioniert. Aber diese Palette entsteht nicht über Nacht. Sie wächst. Über Jahre. Über Fehlkäufe, Lieblingsfarben, kleine Entdeckungen und große Irrtümer.

Am Ende hat man kein perfektes System – sondern ein sehr persönliches.

Und trotzdem: Ganz so chaotisch, wie mein Kasten auf den ersten Blick wirkt, ist er nicht.

Das System im Aquarellkasten

Doch wenn man genauer hinschaut, sind die Farbkästen von Künstlern längst nicht so chaotisch, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Wenn man genauer hinschaut, steckt hinter fast jeder Künstlerpalette ein Prinzip. Manche kennen es bewusst, andere entwickeln es intuitiv über die Jahre.

Bei mir sind es die sechs Grundfarben. Und ich würde behaupten: Das ist der Schlüssel zum guten Mischen!

Warum sechs?

Man hört oft: Drei Grundfarben reichen. Rot, Gelb, Blau – fertig.

Das klingt logisch, ist aber in der Praxis zu grob. Wenn du wirklich sauber, differenziert und gezielt mischen willst, brauchst du mehr Kontrolle. Und die bekommst du über warme und kalte Varianten jeder Grundfarbe.

Meine Basis:

Warmes Gelb (Indischgelb, Schmincke)
Kaltes Gelb (Zitronengelb, Schmincke)
Warmes Rot (Geranienrot, Schmincke)
Kaltes Rot (Permanent Rose, Winsor & Newton)
Warmes Blau (Ultramarin, Winsor & Newton)
Kaltes Blau (Phthaloblau, Schmincke)

 

Diese sechs Farben sind kein Zufall. Sie sind dein Werkzeugkasten fürs Mischen.

Was bedeutet „warm“ und „kalt“ überhaupt?

Hier wird es spannend – und, wenn ich ehrlich bin, auch ein bisschen unbequem. Wer sich nicht gut auskennt, erkennt den Unterschied oft gar nicht.

Was bedeuted zum Beispiel warmes Blau oder kaltes Gelb?

Eine Farbe ist „warm“, wenn sie sich in Richtung einer warmen Nachbarfarbe bewegt. Und „kalt“, wenn sie in Richtung einer kühlen tendiert.

 

Schau mal in den Farbkreis. Oben ist Feuerrot, die wärmste Farbe.

Es gibt ein Blau das liegt oben im Kreis, das ist ein warmes Blau (Ultramarin) , es ist fast Lila, das heißt es enthält ein bisschen Rot. Dann ist das Blau warm!

Zitronengelb liegt direkt neben Grün,  es neigt sich zu Grün, und enthält einen Hauch Blau, deshalb ist es kalt.

Das klingt theoretisch, wird aber sofort praktisch, sobald du mischst.

Warum sind kalte und warme Grundfarben im Aquarellkasten so wichtig?

Oft wird gesagt das man 3 Grundfarben braucht um präzise zu Mischen! Das ist Quatsch!

Wer genau Mischen möchte braucht mindestens 6.

Jede Grundfarbe hat eine Tendenz zu einer Nachbarfarbe.

Gelb kann sein:
kaltes Gelb, Zitrone → Richtung Grün
warmes Gelb, Indisch → Richtung Orange

Das ist bei jeder Farbe so!

Und genau hier liegt der Trick.

tell dir vor, du willst ein leuchtendes Grün.

Dann nimmst du:
kaltes Gelb + kaltes Blau

Beide Farben „wollen“ Richtung Grün. Sie arbeiten zusammen. Das Ergebnis wird klar, frisch, fast strahlend.

Nimmst du stattdessen:
warmes Gelb + warmes Blau

dann passiert etwas völlig anderes. Beide Farben bewegen sich vom Grün weg. Indischgelb Richtung Orange, Ultramarin Richtung Violett. In dieser Mischung steckt also indirekt Rot – und Rot ist die Gegenfarbe von Grün.

Was passiert? Das Grün wird gebrochen. Gedämpft. Natürlicher. Oliviger.

Und genau da beginnt Kontrolle.

Du entscheidest nicht mehr zufällig, was passiert. Du steuerst, ob eine Farbe leuchtet oder zurücktritt.

Dieses Prinzip gilt für alle Mischungen.

Wenn sich Farben zur Mischfarbe hin bewegen → leuchtend
Wenn sie sich von ihr weg bewegen → gebrochen

Das ist kein Trick. Das ist die Grundlage.

Und genau deshalb sind diese sechs Farben das Fundament von allem.

  1. Warmes Gelb ( Indischgelb Schmincke)
  2. Kaltes Gelb ( Zitronengelb Schmincke)
  3. Warmes Rot (Geranienrot Schmincke)
  4. Kaltes Rot (z. B. permanent Rose Winsor and Newton)
  5. Warmes Blau (z. B. Ultramarin Winsor and Newton)
  6. Kaltes Blau (z. B. Phthaloblau Schmincke)

 

Jetzt habe ich noch weitere Farben im Kasten. Und die bieten mir zusätzliche Möglichkeiten.

Naturtöne:

Girona tutorial Aquarellkasten Tine Klein

Regen in Girona: Auch Naturfarben sind wichtig!

Meine sechs Grundfarben sind rein. Aber erst die natürlichen, gebrochenen Farben machen einen Kasten wirklich vollständig.

Siena Natur (Schmincke) – für sandige, warme, natürliche Flächen
Gebrannte Siena (Winsor & Newton) – bricht Rottöne, ergibt mit Ultramarin ein tiefes Dunkel
Buff Titanium – wunderbar, um grelle Farben zu beruhigen, besonders in weichen Schatten

Satte Farben , tiefe Dunkelheit:

Kontraste machen Bilder ausdrucksstark. Ohne Dunkelheit kein Licht. Und ohne Kontrast kein Ausdruck.

Indigo – fast schwarz, aber ein starkes Blau
Permanent Alizarin – dunkles, leuchtendes Rot
Dioxazin Violett – unglaublich tief und satt

Die Farben von Sennelier sind mit Honig gebunden, ein bisschen klebrig – dadurch fällt es leichter, satte, dunkle Farben zu malen.

Granulation:

Granulierende Farben sind für mich wie Gewürze. Man braucht sie nicht immer – aber wenn, dann machen sie den Unterschied. Diese kleinen Tupfen lassen Bilder lebendig werden.

Cobalt (Roman Szmal)
Französisches Ultramarin (Winsor & Newton)
Geothit (Roman Szmal) – ähnlich Siena Natur, aber mit lebendiger Struktur

Jeder Farbnerd hat Lieblingsfarben im Aquarellkasten!

Jetzt kommt der unvernünftige Teil. Und ich bin da ganz ehrlich: Ich habe Farben, die ich nicht brauche – aber liebe. Schuldig im Sinne der Anklage!  Ein Farbkasten ohne Lieblingsfarben ist nix! Obwohl ich die meisten dieser Farben mixen könnte, habe ich sie einfach, weil ich sie begehre.

Oxide Orange, ausdrucksstarkes Orange (Roman Szmal) – da ist immer ein Loch drin, weil ich es so viel benutze!
Vert Turquoise von Sennelier – kühle Leuchtkraft.
Ingwer Orange von Roman Szmal– leuchtende Farbspritzer, deckend.
Royal Blue von Sennelier (das ist das Himmelsblau!).

Brauche ich diese Farben? Nein.
Bin ich gierig auf sie? Ja!!!!

Chaos oder System im Aquarellkasten:

Von außen wirkt mein Kasten wie ein wildes Sammelsurium. Aber im Kern basiert alles auf den sechs Grundfarben.

Hinzu kommen Farben, die mir Eigenschaften bieten, die meine sechs Grundfarben nicht abdecken.

Wichtig ist: Ich verliere trotz Vielfalt nie die Kontrolle über das Mischen.

Oft sind Farben desselben Pigments mehrfach im Kasten, weil sie sich nur in einer Kleinigkeit unterscheiden.

Ultramarin + Französisches Ultramarin: Das eine granuliert, das andere nicht! Dasselbe gilt für Siena gebrannt und Geothit. Dadurch behalte ich den Überblick.

Mein Tipp für dich

Fang nicht mit zwanzig Farben an.

Arbeite mit den sechs Grundfarben. Wirklich. So lange, bis du sie im Gefühl hast. Bis du nachts weißt, welche Mischung was ergibt.

Und dann erweitere deinen Kasten – gezielt.

Achte auf Pigmente. Vermeide Farben mit zu vielen Bestandteilen. Je klarer eine Farbe aufgebaut ist, desto besser lässt sie sich mischen.

Und dann passiert etwas Schönes:

Dein Kasten wird nicht perfekter. Aber er wird deiner.

Dies ist meine aktuelle Palette:

Warmes Gelb (Indischgelb, Schmincke)
Kaltes Gelb (Zitronengelb, Schmincke)
Siena Natur (Schmincke)
Geothit (Roman Szmal, granuliert)
Buff Titanium (deckend)
Gebrannte Siena (Winsor & Newton)
Warmes Rot (Geranienrot, Schmincke)
Kaltes Rot (Permanent Rose, Winsor & Newton)
Oxide Orange (Roman Szmal)
Ingwer Orange (Roman Szmal) – für Spritzer
Warmes Blau (Ultramarin, Winsor & Newton)
Französisches Ultramarin (granulierend)
Permanent Alizarin (Sennelier)
Dioxazin Violett (Sennelier)
Kaltes Blau (Phthaloblau, Schmincke)
Indigo (Sennelier)
Cobalt (Roman Szmal)
Vert Turquoise (Sennelier)
Royal Blue (Sennelier)

Und nun ist es deine Aufgabe, ganz langsam und genussvoll deine eigenen Farben zu finden.

Liebe Grüße Tine

 

Kleine Spenden machen einen großen Unterschied.


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Weiche Kanten im Aquarell! Die einfache Methode.

Weiche Kanten im Aquarell! Dem Wahnsinn nahe?

In diesem Bild gibt es eine Menge harter Farbkanten, aber auch weiche Kanten, denn nur so wird Licht glaubhaft. Dazu aber später.

Generell ist das Erzeugen von weichen Kanten im Aquarell nichts Schwieriges. Oft wird behauptet, das sei die hohe Kunst, aber das ist mal wieder ein Märchen von Leuten, die nur ein begrenztes Wissen über das Aquarellieren haben.

Aquarellieren ist im Grunde eine einfache Sache, wenn man die richtige Technik anwendet.

Wann entstehen harte Kanten?

Harte Kanten entstehen im Aquarell eigentlich immer, wenn man mit einem feuchten Pinsel auf trockenem Papier malt.

Oft möchte man aber keine harten Kanten. Der Hauptgrund dafür ist, dass harte Kanten sehr unnatürlich wirken. Sie lassen Aquarelle auseinanderbrechen, weil jedes einzelne Teil eine harte Kante bekommt – und das sieht dann eher aus wie ein Puzzle.

Weiche Kanten wirken natürlich!

Deshalb macht man die Kanten weicher. Man mildert sie so, dass ein sanfter Übergang zwischen hell und dunkel entsteht.

Im Deutschen gibt es für weiche Kanten leider keinen klaren Fachbegriff.

Man spricht vom Kantenbrechen, von verlorenen Kanten oder auch von „Blending“. Der Begriff kommt daher, dass es wirkt, als sei ein Weichzeichner über das Bild gegangen – es entstehen sanfte Übergänge.

Diese Technik hat jedoch einen sehr schlechten Ruf, weil sie einem den letzten Nerv rauben kann.

Doch aufgepasst: Es handelt sich hier nicht um eine einzige Technik, sondern um ein ganzes Bündel von Methoden! Und nicht alle sind nervenaufreibend.

Weiche Kanten – Methoden und Resultate

Ein kurzer Überblick über die Techniken, die weiche Kanten erzeugen:

Methode 1: gewässertes Papier

 

Die erste Lösung ist, nass in nass zu malen. Dafür wird Baumwollpapier angefeuchtet, und man kann dann in aller Seelenruhe darauf malen – die Kanten bleiben weich.

Vorteil: Das feuchte Papier gibt dem Maler viel Zeit und Ruhe zum Arbeiten.

Ungeübten Malern kann es dabei passieren, dass das Bild im wahrsten Sinne des Wortes wegfließt. Denn weiche Kanten sind weich, aber nicht formlos! Für diese Technik braucht man sehr viel Timing. Am besten klappt es, wenn man immer auf dem gleichen Papier arbeitet.

Für Eilige oder für Menschen, die gerne draußen arbeiten, ist diese Technik ebenfalls ungeeignet, denn so feuchtes Papier trocknet sehr langsam.

 Wo steckt hier gewässertes Papier? Es ist nur ein wenig Feuchtigkeit. Ganz im Hintergrund! Im ersten Schritt lasse ich gelbe Farbe laufen. Dieses Gelb bildet die Stimmung des Bildes und zieht sich quer durch das Bild. Schau nach der 1!

Methode 2: feuchte Übergänge

Die zweite Technik ist ebenfalls einfach:

Man setzt zwei feuchte Flächen nebeneinander.

Die Pigmente kriechen dann langsam aus der Farbe heraus, es bildet sich eine Übergangszone, und weiche Kanten entstehen. Das funktioniert wunderbar – doch das Timing ist anspruchsvoll. Die dunklere Fläche muss leicht antrocknen, bevor man im richtigen Moment die nächste feuchte Fläche ansetzt, sodass die Pigmente langsam „herauswandern“.

Diese Technik kann einen jedoch schier wahnsinnig machen, besonders bei komplexen Motiven.

Dann gleicht sie einem Wettkampf – nein, eher einem Kriegsschauplatz, auf dem ein einzelner Sanitäter viele Verletzte gleichzeitig versorgen muss und dabei noch den perfekten Zeitpunkt treffen soll.

Vielleicht wird bei dieser Beschreibung klar, warum die Techniken des Verblendens einen so schlechten Ruf haben:

Sie rauben einem den letzten Nerv. Das Malen verliert seinen Genuss und wird zu einer hektischen Jagd, bei der man alles gleichzeitig im Blick behalten muss – und zwangsläufig irgendwann den Überblick verliert. Frustrierend!

Diese beiden Techniken sind es, die dazu führen, dass nur wenige Menschen das Kantenbrechen wirklich gut beherrschen.

Doch wer im Aquarell zur Meisterschaft gelangt, macht sich das Leben oft deutlich leichter.

Schau nach der 2! Diese Technik macht die schönsten und natürlichsten Übergänge.

Technik 3: Kantenbrechen mit dem Flachpinsel

Das Kantenbrechen lässt sich nämlich auch mit einer ganz einfachen Technik umsetzen – ganz nebenbei.

Hier seht ihr ein Motiv aus Bologna. Die Perspektive ist höllisch kompliziert, und nebenbei sind etwa 30 Kanten zu brechen, damit ein überzeugendes Licht entsteht.

Was tun? Den Kopf auf den Tisch schlagen und hysterisch schreien?

Quatsch! Wir benutzen die einfache Methode.

Wir brauchen:

• Sauberes Wasser
• Einen weichen Lappen
• Einen steifen Flachpinsel mit Synthetikhaar
• Ein gutes, robustes Aquarellpapier (auf ganz unversiegelten Papieren – oft Baumwollpapiere – funktioniert es nicht gut)

Wie funktioniert es nun mit den weichen Kanten?

Erst einmal: entspannen. Kaffee trinken, Füße hochlegen

– das Bild muss vollständig durchtrocknen. Erst wenn die Farbe wirklich trocken ist, geht es los.

Man macht einen Flachpinsel mit guter Spitze leicht feucht und benetzt damit das Papier. Anschließend wischt man die Farbe mit einem trockenen Lappen vorsichtig ab.

Vorsicht mit der Präzision – nicht wie ein Putzteufel!

Logischerweise arbeitet man dabei immer in die dunklen Pigmente hinein

– im hellen Bereich entstehen sonst unschöne Schmierflecken.

Jetzt ist bereits ein Teil des Pigments entfernt.

Weiche Kanten entstehen dadurch, dass es keinen harten Übergang mehr zwischen heller und dunkler Farbe gibt.

Ist nach dem Abwischen noch eine Kante sichtbar, kann man vorsichtig etwas Pigment aus der dunkleren Fläche in die helle Fläche ziehen.

Sanftheit durch Wischen. Dort, wo du die 3 siehst, und in den Bögen der Laubengänge wurden weiche Kanten durch Wischen erzeugt. Schnell und auch nicht zu verachten!

Zusammenfassung – wo liegen die Stolpersteine der trockenen Technik mit Flachpinsel?

Generell ist diese Technik einfach, schnell und praktisch:

• Der Pinsel ist zu feucht und gibt unkontrolliert Wasser ab. Ergebnis: Es wird fleckig. Lösung: Pinsel gut abtrocknen und nur leicht feucht verwenden.
• Das Papier wird beschädigt, weil zu stark geschrubbt wird. Der Trick ist, die Feuchtigkeit aufzutragen und das Pigment sanft abzuheben. Deshalb heißt die Technik im Englischen „Lift and Blend“.
• Zu großflächiger Einsatz: Wenn man große Flächen aufhellt, entstehen zwar weiche Kanten, aber auch ein matschiges Farbbild – graue, stumpfe Bereiche sind die Folge.
• Pinsel ohne Spitze wirken schnell grob. Es geht hier um präzises Nacharbeiten – nicht ums Verschmieren.

Viel Spaß beim Nachmachen!
Tine


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Aquarell experimentell! Was wäre möglich, wenn du dich traust?

Steifes Aquarell, die Technik der alten Leute?! Sehr lustig!

Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Aquarell von sehr strengen Eltern erzogen wurde!

Von Menschen, die immer „Vorsicht!“ rufen!

Und deshalb ist es kein Wunder, dass das Aquarell manchmal etwas starr wirkt. Auch Kinder, die von Eltern erzogen wurden, die immer alles kontrollieren wollen, haben das Problem, ins Leben zu kommen!

Viele von uns haben diesen Satz tausendmal gehört:

Beim Aquarell kann man nichts mehr verändern.

„Das Aquarell ist nur etwas für Meister!“

Und dieser Satz wurde wie eine strenge Regel weitergetragen, bis er irgendwann wie ein Gesetz klang. Ein unantastbares Dogma.

Und genau das stimmt: Das Aquarell ist etwas für Meister! Denn genau die scheißen auf die ganzen Regeln und Dogmen rund ums Aquarell.

Die Meister brechen alle Regeln und deshalb sehen ihre Bilder so aussergewöhnlich und begehrenswert aus.

Und genau dieses Dogma hat eine Menge Aquarelle ruiniert – nicht, weil Fehler entstanden wären, sondern weil keine mehr zugelassen wurden.

Die Bilder wurden vorsichtig, zaghaft, steif.

Voller Angst statt voller Leben. Dabei lebt Aquarell doch von nichts so sehr wie vom Mut! Von Wasser, Farbe und Überraschung. Und ja, manchmal auch vom Kontrollverlust.

Die großen Namen, auf die sich alle gern berufen – Turner, Nolde – die haben sich nicht im Mindesten um solche „Regeln“ geschert.

Sie sind zu ihrer Zeit wild angefeindet worden! Und doch ist es ihre Kunst, die die Zeit überlebt hat!

Sie waren wild, frei, neugierig. Diese haben sich nicht als Meister gesehen, sondern als Forschungsreisende. Sie haben ausprobiert, verworfen, neu gedacht. Sie haben gespürt, dass Aquarell nur dann leuchtet, wenn man es auch atmen lässt.

Was viele heute vergessen: Diese Künstler hatten keine Angst vor dem Experiment.

Und Experimente sind nichts anderes als die Einladung an das Aquarell, mitzuspielen. Fehler? Fehlanzeige.

Was wäre Möglich? Wenn Du dich traust?

Die Wahrheit ist: Es gibt unendlich viele Wege, ein Aquarell zu gestalten – und genauso viele, es nachträglich zu verändern. Und genau diese Möglichkeiten machen moderne Aquarellkunst so stark.

Da ist zum Beispiel die sogenannte Salzburger Schule rund um Bernhard Vogel. Eine Generation von Künstlern, die sich nicht einschüchtern ließ. Sie haben gewaschen, gewischt, geschabt, gespachtelt. Sie haben deckende Farben eingesetzt, obwohl früher jeder Lehrer dafür die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

Und?! Und siehe da: Das Aquarell ist nicht gestorben. Im Gegenteil – es wurde spannender, gewagter, ausdrucksstärker.

Experimentelles Aquarell -Was geht für Dich?

Deckende Farben im Aquarell?

Früher ein Tabubruch. Heute ein kraftvolles Ausdrucksmittel. Es gibt viele Methoden, deckende Farben im Aquarell zu benutzen. Diese Farben lassen sich besser auswischen, also nachträglich verändern.

Und sie sind hervorragend, wenn man über der ersten transparenten Lasur des Aquarelles malt!

Trotzdem gibt es ein No-Go!

Beim Mischen darf man diese Farben nicht mit allen transparenten Farben mischen, wenn es leuchten soll!

Dann werden alle Farben matt!

Mein Tipp: Das Auge liebt Kontraste. Klare, leuchtende und transparente Farben sollten neben matten und grauen Farben stehen. So kann man mit dem Unterschied in der Wirkung spielen.

Aquarell Experimentell: Auswaschen? Früher undenkbar.

Aquarell experimentell, Baum Aqiarell Tine Klein

Heute eine Methode, um Licht wieder hervorzuholen. Eine eigenständige Technik! Wischen? Früher verpönt.

Heute ein Werkzeug, um Bewegung ins Bild zu bringen.

Mein Tipp: Lass die Farbe trocknen. Beim Auswischen erzielt man die besten Ergebnisse, wenn man klares Wasser auf trockene Farbe gibt und dann wischt.

Aquarell experimentell – die Liste der Möglichkeiten wächst!

Und das ist nur der Anfang. Die Liste der Techniken wächst ständig. Warum? Weil Künstler mutig genug sind, Grenzen zu überschreiten.

Und weil das Aquarell genau das braucht, um zu leben.

Das Aquarell war die Technik der Spießer und wird nun zur Technik der Revoluzzer!

Farben dürfen laufen und man schafft daran:

Basel Aquarell Tine Klein Aquarell experimentell

Trau dich, deine Farben ausbluten zu lassen. Mein Tipp: Dir gefällt ein Farbauftrag nicht? Schieß mit der Sprühflasche drauf wie mit einem rauchenden Revolver! Trau dich, zu schichten. Zu kratzen. Zu übermalen. Das Blatt ist kein Heiligtum, es ist ein Spielfeld.

Es geht nur darum, tolle Farben und gute Kontraste zu erzeugen.

Und die vermeintlichen Fehler? Offene Stellen im Aquarell? Das sind oft die Stellen, an denen etwas Neues beginnt.

Hier blitzt das Licht!

Aquarel experimentel -Dein Fehler, ist die größte Chance etwas zu entdecken!

Wenn du also das nächste Mal malst und etwas läuft nicht wie geplant,

dann atme einmal tief durch – und begreife es als Einladung.

Nicht ärgern, sondern flirten!  Das Spiel ist es, was Menschen vorangebracht hat!

Und hier mein letzter Tipp: In der Tradition des Aquarells wurden viele Dinge verboten. Manchmal aus gutem Grund! Manchmal aus Idiotie.

Die großen Meister des Aquarells scheren sich nicht um diese Regeln. Sie malen alle mit deckenden Farben, sie waschen aus. Sie finden ihren Weg, sich auszudrücken. Fehler sind kein Scheitern. Fehler sind der normale Weg des Lernens!

Sieh es als Chance. Als Startpunkt für ein Bild, das mutiger, lebendiger und kraftvoller wird, als du es dir vorgenommen hast.

Tine Klein Aquarell von Fontanilles in Catalonien. Aquarell costa brava. Tutorial zum Thema Merging shapes. Aquarell experimentell

Geh spielerisch heran. Sei neugierig. Und vor allem: Mach es einfach – und schau, was daraus wird. Und teste es, brich die Regeln!

Was soll denn passieren?

Es klingelt an der Tür, ein Mann mit schwarzem Ledermantel steht davor: „Guten Tag, Kripo Aquarell! Wir wissen von Informanten, in diesem Haus wurde mutwillig eine Aquarellregel gebrochen!“ Hau ihm die Tür vor der Nase zu!!!! Wer Verbote macht, hat etwas Grundlegendes an der Freiheit der Kunst nicht erkannt!

Liebe Grüße
Tine

Es ist mir fast ein bisschen unangenehm: Tausende lesen hier jeden Monat kostenlos – und das ist auch gut so. Kultur soll für alle da sein. Aber wenn du merkst, dass dich das hier wirklich weiterbringt, dann unterstütze es mit einer Spende.

Nicht viel. Aber bewusst.

Denn solche Inhalte entstehen nicht einfach so – und wir bekommen hier nichts dafür.

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