Braucht man einen eigenen Malstil?

Braucht man einen eigenen Malstil?

Diese Frage stellte mir eine amerikanische Malerin, als wir mit dem Bus durch das nächtliche Italien rasten. Wir waren zusammen im Aquarellmuseum in Fabriano. Und nun zückte sie ihr Smartphone und zeigte mir eine Reihe kunstvoller Malereien, die sie selbst angefertigt hatte.

Alle wunderbar hoch professionell und gefühlvoll.

Doch jedes einzelne Bild schien von einem anderen Maler gemacht! Das Sammelsurium war so vielfältig, dass ich mich am Kopf kratzte.

Genau für solche Fragen fährt man nach Fabriano. Der Austausch mit anderen Menschen zählt.

Jetzt saß ich in der Dunkelheit und dachte über die Frage nach.

Braucht man einen eigenen Malstil?

Ich gebe euch hier eine andere Antwort, als ihr erwartet:

Ich glaube, bedauerlicherweise braucht man ihn nicht!

Mein eigener Großvater war Maler. Er war fasziniert von der Technik des Malens. Und er war ein Schlitzohr – er ernährte die Familie gut damit, dass er Bilder kunstvoll malte, die man sich sonst nicht leisten konnte. Er malte alles! Michelangelo, J. M. W. Turner, Peter Paul Rubens, Anthony van Dyck – was ihm vor die Füße fiel.

Mein Großvater und diese Frau im Bus sind einfach Menschen, die gerne malen und es zur Perfektion gebracht haben

– und trotzdem gern andere Stile kopieren.

Menschen, die aus reiner Neugier auf das Malen und seine Techniken arbeiten, entwickeln oft keinen eigenen Malstil.

Es gibt viele Gründe zu malen!

Malen erzeugt seelische Zufriedenheit, weil es die kreisenden Gedanken im Kopf stoppen kann.

Und das ist in der heutigen Zeit Gold wert! Wenn man sich und seiner Familie ausgeglichen gegenübertritt, ist das schon mehr Grund zu malen, als man eigentlich braucht.

Malen erzeugt klare Gedanken und gutes Beobachten.

Deshalb ist es bei Technikern und Wissenschaftlern so beliebt!

Gerade das Malen von schönen Dingen schenkt Glück.

Die Fähigkeit, das Gute wahrzunehmen, ist einfach wunderbar.

Braucht man also einen eigenen Malstil?

Nein, braucht man nicht. Das Malen allein ist Geschenk genug!

Aber…

Der eigene Malstil wird sehr begehrt. Warum?

Ein eigener Malstil ist so wunderbar, weil er den Menschen sichtbar macht.

Und deshalb möchten so viele Menschen einen eigenen Malstil.

Ein Malstil gibt dem Betrachter etwas, was sonst sehr selten ist:

Ein Blick durch fremde Augen.

Und das ist enorm faszinierend. Wie kann es sein, dass jemand denselben Gegenstand so anders sieht als ich?

Der eigene Malstil zeigt sehr viel über Menschen.

Jetzt bist du vielleicht irritiert und denkst: Wieso? Verstehe ich nicht!

Aber du hast vielleicht schon einmal eine Handschrift gesehen und hattest sofort eine Idee von der Person!

Du siehst die Handschrift eines grau gekleideten Herrn, der sehr korrekt schreibt – Buchhalter?

Ein Malstil verrät noch viel mehr.

Man sieht in einem Bild unglaublich viel!

Oft ist Malen der reinste Seelenstriptease.

Das Bild zeigt, wie jemand den Pinsel bewegt, und so erkennt man wichtige Charakterzüge.

Man sieht, ob sich jemand sanft, frech oder zögerlich bewegt.

Man sieht den Umgang mit Kontrolle und Risiko.

Kann jemand Unsicherheit ertragen?

Ist die Person bereit, Risiko einzugehen, um etwas Interessantes zu erzeugen?

Ist jemand ordentlich oder arbeitet die Person mit dem Chaos?

Wie viel beobachtet jemand? Oder gibt die Person eher Interpretation und Gefühl Raum?

Man sieht, wie jemand Farben wahrnimmt. Und das kann dir zeigen, wie sich jemand fühlt! Denk an die Einsamkeit bei Edward Hopper.

Schau mal in mein Bild! Wer bin ich?

Ich habe dieses Bild gewählt, weil ich denke, dass man hier viele meiner persönlichen Eigenschaften sehr gut erkennen kann. Mich interessiert sehr, was ihr darin erkennt. Kann man einen Menschen durch seine Bilder lesen?

Kommentiere das doch auf Facebook oder Instagram, damit wir ins Gespräch kommen. Hier geht das im Moment leider nicht, weil jemand die Kommentare für Kriegspropaganda missbraucht.

Mein Instagramprofil, hierhttps://www.instagram.com/tine.klein/?hl=de

Du möchtest einen eigenen Malstil?

Oft liest man, dass man nur Zeit mit dem Malen verbringen muss und der Stil kommt von selbst. Wenn man es so definiert:

Ein Malstil ist die typische Art und Weise, wie jemand malt.

Dann stimmt das. Jeder entwickelt eine typische Art, wie er malt.

Aber ganz ehrlich?

Es gibt Menschen, die ihr Leben lang unwiedererkennbar malen. Wie passiert das?

Das liegt daran, dass viele glauben, es gebe feste Regeln in der Kunst. Sie malen nach Zeitgeist und wollen nicht das Risiko eingehen, etwas ganz Eigenes zu tun. Sie eifern populären Idolen nach.

Sie malen so, dass es nett bleibt. Nicht angreifbar.

Saubere Linien. Unauffällige Farben. Alles „richtig“.

Und genau deshalb bleibt der Stil oft unsichtbar

– weil er versucht, sich im Massengeschmack zu verstecken.

Was ist also ein echter eigener Stil? Und wie bekommt man ihn?

Zuerst: Geduld. Viel malen.

Der zweite Teil ist schwieriger.

Man muss anfangen, sich selbst zu respektieren.

Aufhören zu denken: Wie machen es die anderen? Was ist meisterlich?

Stattdessen fragen:

Was fühlt sich für mich gut an?

Du hast eine absolute Lieblingsfarbe? Gut. Dann benutze sie – ohne Reue.
Du magst harte Kontraste, weil du die Welt so siehst? Dann mach das.
Du bist eher zart? Super – zeig das!

Das besonders Schöne an Kunst ist, dass sie uns die Eigenheiten von Menschen zeigt.

Und genau diese Eigenheiten machen Malerei auch im Zeitalter der Fotografie spannend.

Interessant wirst du aber nur, wenn du zeigst, wer du bist.

Setze Techniken, Linien und Farben so, wie dir der Schnabel gewachsen ist!

Weißt du, was das bedeutet?

Einige Leute werden deine Kunst doof finden.

Warum? Weil man nicht jedem gefallen kann.

Aber wenn du deinen Pinsel so bewegst, wie du bist, wenn du deine Farben so wählst, wie sie dir gefallen, wenn du so locker oder so genau arbeitest, wie es dir entspricht – dann hast du deinen Stil.

Und wir werden dich dafür lieben.

Zeig uns, womit du dich wohlfühlst. Zeig uns, wer du bist.

Hör auf, krampfhaft nach einem Malstil zu suchen!   Zeig lieber deinen persönlichen Ausdruck. Denn ein echter Stil entsteht selten am Reißbrett

Merke dir eines: Du zählst. Wir brauchen dich.

Und die Meckerer?

Die meckern oft, weil sie sich genau das nicht trauen.

Liebe Grüße
Tine

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Weiterlesen bei Tine. Am Anfang hilft dir das Experiment:

https://blog.herz-der-kunst.ch/tag/freiheit/