Rhytmus die unbekannte Macht in Zeichnung und Malerei

Lass die Türme hüpfen -Rhytmus!

Rhythmus hat große Wirkung, ist aber ein leises Thema.

Denn es gibt erstaunlich wenige Antworten zum Thema Rhytmus.

Wer künstlerische Fähigkeiten erlernen möchte, hat es oft schwer! Denn Wichtiges wird von Künstlern intuitiv gemacht, sie können es nicht beschreiben.

Wer ernsthaft malen oder zeichnen lernen will, stößt schnell an Grenzen.

Nicht an die eigenen, sondern an die der verfügbaren Informationen.

Gute Fachliteratur ist rar.  Verlage investieren dort, wo Auflagen stimmen. Zeichnen und Malerei – erst recht auf Deutsch und auf hohem handwerklichem Niveau – gehören nicht dazu. Schreiben wird zur brotlosen Kunst, wenn es nicht ein massengängiges Thema ist. Und genau deshalb verschwinden anspruchsvolle Themen langsam aus den Büchern.

Und genau deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du an eine Spende denkst!

Rhythmus, das schweigende Thema:

Man findet wenig bis nichts zum Thema Rhythmus!

Schade! Selbst international findet man dazu erstaunlich wenig. In hervorragenden Büchern vielleicht eine halbe Seite.

Als wäre das Thema nebensächlich.

Dabei ist Rhythmus eine der kraftvollsten Komponenten in Zeichnung und Malerei. Er lenkt das Auge, zieht den Blick ins Bild, hält ihn dort. Er erzeugt Spannung, Ruhe, Bewegung. Kurz: Er entscheidet mit darüber, ob ein Bild wirkt.

Was ist Rhythmus?

Schon bei der Definition fängt es an: schwierig.

Ich würde sagen, Rhythmus ist die Abfolge, wie man Flächen, Linien oder Hell und Dunkel, die durch ihre Bewegung ein Bild organisiert, indem es das Auge dorthin zieht, wo es landen soll!

Die Gleichförmigkeit ist der langweiligste Rhythmus!

Wenn du alles sauber und gleichmäßig zeichnest oder malst, dann hat dies eine mäßige Anziehungskraft auf das Auge.

Es ist langweilig! Das passiert immer dann, wenn man in einer Zeichnung Dinge mechanisch wiederholt. Das kann gut wirken, wenn man an dieser Stelle Ruhe im Bild braucht.

Stell dir mal einen Saal voll Paare vor, die Walzer tanzen. Alle tanzen 1, 2 und 3, dann 1, 2 und 3 und so weiter. Auf die Dauer würde das langweilig! Und plötzlich schwillt die Musik dramatisch an. Und plötzlich folgen dramatische Drehungen! Oh wie schön! Und plötzlich tanzen alle wieder im Takt!

Das heißt, der Ausbruch aus der Normalität erzeugt Aufmerksamkeit und lockert das strenge und gleichförmige Gefüge auf.

Und genau dies funktioniert Rhytmus auch beim Zeichnen und Malen!

Über Rhythmus wird wenig geschrieben, weil man ihn eher spürt, als dass man eine feste Regel an die Hand geben kann.

Aber die Faustregel ist: Alles, was monoton ist, wird auf Dauer langweilig.

Wenn ich einen Zaun gleichförmig in ein Bild führe, dann führt er den Blick, aber eben nur ganz lahm.

Wenn ich die Linie aber ab und zu breche, Zaunpfähle aus der Reihe tanzen lasse, dann wird der Zaun zum Magneten für das Auge! Das Auge folgt!

Das ist die Macht des Rhythmus! Paul Klee drückt dies so aus:

„Drawing is taking a line for a walk.“

Zeichne zehn exakt gleich lange, gleich dicke Striche nebeneinander. Das ist Wiederholung, aber noch kein Rhythmus.
Jetzt variiere: Mache ab und zu einen langen Strich, zwei kurze, einen dicken, einen dünnen oder einen krummen. Oder Ordne die Striche in Gruppen.

Plötzlich beginnt das Auge zu springen, zu pendeln, zu folgen.

Rhythmus entsteht. So entsteht Rhythmus in einer Zeichnung oder in einem Aquarell!

Tipp: Lass es hüpfen! Jedoch achte darauf, dass aufregende Bewegungen einen Sinn haben! Sie müssen zum Bildzentrum führen!

Warum unser Gehirn auf Rhytmus reagiert

Neurowissenschaftlich ist das gut belegt: Unser Gehirn liebt Muster –

aber es liebt sie nur, wenn sie nicht vollkommen vorhersehbar sind.

Reine Gleichförmigkeit langweilt, reines Chaos überfordert. Rhythmus liegt genau dazwischen. Er gibt Halt und Freiheit zugleich.

Schau zum Zaun: Der Zaun hat eine Höhe, der Zaun hat eine Richtung und er hat regelmäßige Latten, und doch sind da diese hüpfenden Latten! Die Latten hüpfen, und auch da gibt es einen kleinen Takt mit Ausreißern.

Schau dir mal das Licht auf dem Mont Saint Michel an!

Auf der linken Seite haben wir viermal drei Linien diagonal nebeneinander, ein gleichförmiger Takt mit ein paar Ausreißern. Die Dreierkombination wird wiederholt wie beim Walzer, jedoch in klein und groß variiert. Er führt hoch zum Gipfel. In der Mitte des Bildes wechselt das plötzlich. Der Takt wird unterbrochen und das Licht wechselt zur Dunkelheit. Jetzt sind die Dreierpaare der Linien anders verteilt und winzig – das macht den Effekt.

Kandinsky sagt:

„In der Malerei wird das Rhythmische fast geometrisch aufgebaut …“
„Das Rhythmische … entsteht in der Malerei wie in der Musik durch Dissonanz.“

Hier wird klar: Rhythmus ist Struktur, Bewegung — nicht Dekoration.

Er entsteht durch Gleichförmigkeit, den Bruch und eine Richtung!

Was macht der Rhythmus fürs Bild?

Rhythmus lenkt den Blick.

– Wiederkehrende Linien führen das Auge und erzeugen Harmonie und Gemeinsamkeit.
– Abstände erzeugen Atempausen, aber sie gliedern auch und erzeugen Aufmerksamkeit.
– Verdichtungen erzeugen Spannung.
– Auflockerungen unterbrechen und machen es offener.

Schau in den Zaun! Lange und kurze Linien sind wie in einem Takt organisiert. Der Rhythmus erzeugt Spannung!

Nur vorhersehbar ist der Takt nicht!

Warum ist Rhythmus so wichtig?

Das Auge „liest“ Linien wie Bewegungsanweisungen. Deshalb wirken manche Zeichnungen dynamisch, andere starr. Weil sich in der Linie nichts ändert!

In einer Zeichnung oder einem Bild läuft nichts ohne Organisation!

Stell dir wieder den Ballsaal vor: Die Paare tanzen Walzer, schöne große geschwungene Kreise. Stell dir vor, der Rhythmus ist weg? Chaos bricht aus. Jeder tanzt etwas anderes.

Der Rhythmus macht in der Zeichnung etwas Ähnliches. Er organisiert die Details.

Er organisiert den Blick! Und es gibt langweilige und aufregende Organisationsmethoden. Der Walzer wäre ja auch langweilig, wenn wir stur die selben drei Schritte wie Roboter machen würden.

Wo viele Zeichner scheitern, weil sie dies vergessen!

Viele konzentrieren sich zu früh auf Details. Sie „verzieren“, bevor der Rhythmus steht. Das ist, als würdest du einen Tanz choreografieren und mit den Fingerspitzen anfangen, bevor du weißt, wie der Körper sich bewegt.

Die Aufmerksamkeit lenken.

Der Zeichner oder Maler möchte das in Szene setzen, was er sieht. Das Wichtige soll aufregend sein, Uninteressantes eher ruhig.

Dort, wo sich der Takt verdichtet oder abbricht, entsteht Spannung:

wilde Striche, Linienknäuel, dunkle Tonwertballungen, Detailhäufungen

Diese wilden Dinge gehören in dein Bildzentrum oder auf den Weg dorthin.

Ruhe, Monotonie und Auflockerung bringen Ruhe:

weniger Linien, größere Abstände, geringere Kontraste, vereinfachte Formen.

Das alles gehört zu den Stellen im Bild, die nicht wichtig sind.

Viele Zeichnungen scheitern daran, dass alles gleich behandelt wird. Gleiche Linien, gleiche Abstände, gleiche Aufmerksamkeit. Das Auge bekommt keine Anleitung.

Rhythmus ist diese Anleitung.

Liebe Grüße
Tine

Ich sage es offen: Ohne Unterstützung verschwinden solche Themen langsam. Wenn du möchtest, dass Wissen über Zeichnung und Malerei weiterlebt, dann denke an eine Spende. Fördere Kultur. Fördere Sprache. Fördere Kunst.


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