Locker Zeichnen und Kolorieren.

Wir möchten alle locker zeichnen und kolorieren.

Zeichnen und Kolorieren wirken auf den ersten Blick wie klar definierte Tätigkeiten. Man zeichnet etwas, danach wird es ausgemalt. Diese Vorstellung ist tief verankert und begleitet viele Menschen seit der Kindheit. Sie ist vertraut, logisch – und gleichzeitig erstaunlich einschränkend.

Anders ist dies in meinen Kursen: https://blog.herz-der-kunst.ch/aktuelle-kurse/

Ich saß in meiner Kindheit am Küchentisch und habe Malhefte ausgefüllt. Meine Mutter kochte, und wenn ich nicht ordentlich ausgemalt habe, gab es ein bisschen Gemecker.

Die erste Vorstellung von Zeichnen und Kolorieren ist bei vielen stark vom Ausmalen geprägt.

Und ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die diese Erfahrung aus Kindheit und Schule in sich trägt.

Diese Erfahrung ist begrenzend.


Sie setzt uns von Anfang an Grenzen im Kopf. Grenzen, die sich später schwerwiegend in unseren Zeichnungen zeigen und auch unsere Malerei einschränken.

Denn Zeichnen und Kolorieren können weit mehr sein als das saubere Ausfüllen vorgegebener Formen. Sie können ein offener, spielerischer Prozess sein, in dem Linie, Fläche und Farbe miteinander tanzen, sich annähern, trennen und neu verbinden.

Serendipity beschreibt den glücklichen Zufall, der entsteht, obwohl man ihn nicht geplant hat. In der Zeichnung und beim Malen zeigt er sich im Zusammenspiel von Linie und Farbe: Ein Verlauf läuft anders als gedacht, eine Linie trifft unerwartet auf eine Farbfläche – und plötzlich entsteht etwas Lebendiges. Freilich ist dieser Glücksgriff nicht wirklich zufällig.

Er entsteht aus Erfahrung, Offenheit und der Fähigkeit, das Unerwartete nicht als Fehler zu verwerfen, sondern als Chance zu erkennen und weiterzuführen.

Zeichnen und Kolorieren ist ein Tanz.

Serendipity nutzen heißt zu entdecken, dass die Verbindungen zwischen Zeichnung und Farbe viel vielfältiger sind, als man denkt.

Trotzdem bedeutet lockeres Zeichnen und Kolorieren nicht Beliebigkeit.

Es bedeutet bewusste Freiheit.

Tatsache ist: Man braucht keine harte Linie, um die Farbe zu begrenzen.

Linie und Farbe können sich voneinander trennen. Auch wenn sie sich nicht an die gleichen Linien und Formen halten, können sie dennoch zusammenwirken.

Wenn sich Linie und Farbe trennen.

Aus herkömmlicher Sicht wird das oft als Unsauberkeit wahrgenommen.

Aus künstlerischer Sicht hat es jedoch riesige Vorteile. Denn Farbe und Linie können dann so eingesetzt werden, dass sie ihre Möglichkeiten optimal ausschöpfen.

Man kann die Kombination von Farbe und Linie neu zusammensetzen. Das eröffnet dem lockeren Zeichnen und Kolorieren ganz neue Möglichkeiten.

Freiheit:

Trennen sich Farbe und Linie, kann man ganz einfach Fehler korrigieren.
Hat man zum Beispiel etwas zu groß gemalt, dann zeichnet man es einfach kleiner – siehe Turm 1.

Dieser lockere Umgang macht den Zeichner frei.
Er führt zu einzigartigen, freien Kunstwerken.

Man könnte meinen, ich korrigiere meine Fehler dabei eher schlecht als recht. Doch es ist anders: Ich kann zwei verschiedene Sichtweisen auf einmal zeigen. Das macht das Motiv unglaublich spielerisch und interessant.

Trennt man Fläche und Linie, öffnet sich ein Raum für neue Möglichkeiten. Die Farbe darf größer, kleiner, freier sein als die Zeichnung. Sie darf über Ränder hinauslaufen oder sich bewusst zurückhalten. Die Linie wiederum kann unabhängig reagieren:

Sie kann korrigieren, kommentieren oder sogar widersprechen.

Deshalb ist es erstaunlich klug, nicht immer alles einförmig und korrekt zu machen.

Tipp: Locker werden ist leicht, wenn Fehler erlaubt sind.

Interessante Effekte:

Apropos interessant!

Wenn ich zum Beispiel einen Turm anders zeichne als male, bekommt das Zeichnen und Kolorieren einen zweiten Aspekt.

Der spielerische Umgang mit der Form erzeugt Interesse.

Der vermeintliche Fehler wirkt spannend und stärkt damit die Bildaussage.

Tipp: Gerade im Hauptmotiv wirken interessante Effekte Wunder.

Was als „Fehler“ empfunden wurde, wird plötzlich zu einem Gestaltungsmittel.

Neue Informationen durch freies Zeichnen und Kolorieren:

Laufen Linie und Farbe absolut parallel, wirkt alles sehr ordentlich.
Ordentlich sein ist oft wünschenswert, doch in der Kunst kann es hinderlich sein, weil es uns um Ausdrucksmöglichkeiten beraubt.

Beispiel:
Links neben dem ersten Turm gibt es ein Dach. Die Dachlinie wurde quer durch die Farbe geschwungen. Ein Fehler? Nein.

Besonders interessant wird es, wenn Fläche und Linie unterschiedliche Informationen transportieren. Die Farbe kann Masse, Material oder Alter zeigen, während die Linie Bewegung, Instabilität oder Licht andeutet. Ein Dach, dessen Linie durch die Farbe hindurchläuft, erzählt mehr als eine saubere Kontur: Es wirkt eingesunken, alt, müde.

Das Bild beginnt zu sprechen.

Tipp: Der Stift kann auf der Farbe oder Fläche neue Details zeigen, ohne dass es zu auffällig wird.

Interesse steuern beim Zeichnen und Kolorieren:

Unterhalb von Turm 1, am unteren Rand der Zeichnung, gibt es eine ganze Reihe Häuser. Diese Häuser würden das Bild zerstören.

Warum?
Weil ein neues Motiv unter einem Hauptmotiv die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abzieht.

Bilder zerbrechen daran, dass sie chaotisch wirken.

Die Lösung:
Ich male mit brauner Tinte auf brauner Farbe. Das Motiv ist vollständig vorhanden, aber die Aufmerksamkeit bleibt im Bildzentrum.

Läuft eine Linie neben der Farbe, erzeugt sie viel mehr Aufmerksamkeit als eine Linie, die ohne großen Tonwertunterschied auf einem farblichen Untergrund verläuft.

Eine Linie mit starkem Kontrast ist laut.

Beim zweiten Turm rechts verläuft die rechte Turmlinie durch das weiße Papier. Das erzeugt deutlich mehr Aufmerksamkeit, als wenn sie fast unsichtbar an die Farbe gekoppelt wäre.

Ob der Strich also mit der Farbe verläuft oder sich von ihr löst, macht einen starken Unterschied in der Wahrnehmung des Betrachters.

Tipp:
Eine Linie auf weißem Papier zieht sofort Aufmerksamkeit auf sich. Sie wirkt klar, präsent, fast laut. Wird dieselbe Linie auf einer ähnlich dunklen oder farbnahen Fläche gesetzt, tritt sie zurück. Sie ist noch da, aber sie drängt sich nicht auf.

Das Licht einfangen:

Das Entkoppeln der Linie von der Farbe hat noch einen weiteren wunderbaren Effekt.
Entkoppelt man die Linie, fängt man das Licht ein.

Das sieht man beim zweiten Turm rechts. Er wirkt viel lichter als die braune Turmspitze daneben.

Tipp: Die Linie auf der Lichtseite entkoppeln oder ganz weglassen.

Doch es geht auch anders.
Ganz links im Bild gab es kaum noch Licht, das Bild wirkte trist.
Ein kleiner Schwung mit der Linie ins weiße Papier holt das Licht zurück ins Motiv.

Tipp: Wird die Linie bewusst vom Farbauftrag gelöst, entsteht Helligkeit. Das Motiv atmet.

Zeichnen und Kolorieren wird viel vielfältiger durch die Entkopplung von Farbe und Linie.

Die Farbe gibt das Gefühl, die Linie wirkt stärker in der Formgebung.

Die Linie macht den Klecks zum Baum. Besonders spannend ist dieser Effekt in natürlichen Formen. Ein Farbklecks allein ist abstrakt. Erst die Linie macht ihn lesbar. Ein paar gezielte Striche – und der Klecks wird zum Baum. Die Farbe liefert das Gefühl, die Linie gibt Form und Charakter.

Locker zeichnen und kolorieren – weniger ist mehr.

Locker zeichnen und kolorieren heißt also nicht, weniger zu können, sondern mehr zuzulassen. Fehler werden zu Möglichkeiten. Korrekturen werden sichtbar und damit ehrlich. Das Bild zeigt nicht nur ein Motiv, sondern auch den Weg dorthin. Doch eine Linie ist eine starke Aussage.

In unwichtigen Bereichen lässt man Linien bewusst weg.

Sei ehrlich und zeige, was du liebst. Bei den Dingen, die du nicht liebst, machst du weniger. Das ist hochinteressant, denn so zeigst du, wie du die Welt siehst.

Liebe Grüße ins Wochenende
Tine

Deutschsprachige Kultur entsteht nicht von allein.
Sie braucht Zeit, Erfahrung – und Menschen, die sie möglich machen.

Hast du hier etwas gelernt?
Hat dir das Fachwissen geholfen, freier zu sehen, anders zu denken oder mutiger zu arbeiten?

Dann stell dir eine einfache Frage:
Was ist dir dieses Wissen wert?


CHF——
Euro

In 14 Tagen startet der erste Kurs der Kursserie.
Sei doch dabei. Lesen ist das eine – verstehen ist die andere Seite.
Komm spontan zu uns in die Kurse.
Ich freue mich sehr, dich zu sehen und zu unterstützen.

Aktuelle Kurse mit Tine Klein

Weiterlesen bei Tine:

Kolorieren: 5 Tipps zum lockeren Kolorieren

https://blog.herz-der-kunst.ch/kolorieren-5-tipps-zum-lockeren-kolorieren/