Kann dir ein 100 Jahre alter Zeitungsartikel helfen, besser zu zeichnen und zu malen?
Oh ja, denn man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Das, was jetzt folgt, ist nicht langweilig und schon gar nicht veraltet. In meiner neuen Unterrichtsserie lehre ich unter anderem gestisches Zeichnen. Braucht du Unterstützung komm in den Kurs: https://blog.herz-der-kunst.ch/aktuelle-kurse/
Gestisches Zeichnen ist eine Art des Zeichnens, die nicht über viele kleine Linien zur fertigen Zeichnung führt.
Gestisch Zeichnen – man sucht die große Bewegung!
Deine spontanen Zeichnungen und Pinselskizzen werden durch diese Technik sofort besser.
Weil man mit zwei, drei Strichen das Wesentliche festhält, bleibt die wirkliche Aussage erhalten. Die Zeichnung oder auch die Pinselskizze bekommt dadurch eine enorme Stärke! Gleichzeitig lernt man sogar, Bewegungen festzuhalten, weil man sich auf den wesentlichen Schwung konzentriert.
Und damit füllt sich dein Skizzenbuch mit aufregenden und lebensechten, lebendigen Zeichnungen.
Ich kenne den besagten Artikel schon sehr lange. Er lag im Kämmerchen meiner Großmutter und stammt aus dem Nachlass meines Großvaters. Er hat wahrscheinlich nur überlebt, weil sie ihn als Schrankpapier benutzt hat. Für die Jüngeren von euch: Was ist Schrankpapier? Das macht man auf Regalbretter, damit das Holz nicht verschmutzt.
Es ist also die Ironie der Geschichte, dass der Artikel, der mich künstlerisch am meisten beeinflusste, unter den selten genutzten Schuhen meiner Großmutter lag.
Gestisch zeichnen – die Tanzkurven von Kandinsky.
„Tanzkurven: Zu den Tänzen der Palucca“ (1926)
Leider kann ich hier das Werk nicht hochladen, weil ich nicht weiß ob es copyrightfrei ist!es trotz allem noch nicht copyrightfrei ist. Aber auf Pinterest findet ihr alles.
Die Tanzkurven findet ihr auf Pinterest.
Der Artikel von Wassily Kandinsky entstand aus seiner Zusammenarbeit mit der Tänzerin Gret Palucca. Ausgangspunkt waren Fotografien ihrer Tanzbewegungen.
Kandinsky nutzte diese Fotos jedoch nicht, um den Tanz zu dokumentieren, sondern um ihn für die Zeichnung zu analysieren.
Er zeigt die Bewegung der Tänzerin ohne jegliches anatomische Detail.
Kandinsky findet die einfachste Linie. Dies ist fast brutal.
Und die entstehenden Striche und Kurven sind erstaunlich erzählerisch.
Wir können davon lernen, wie wenig man braucht, um das Wesentliche in Zeichnung und Malerei festzuhalten. Das gestische Zeichnen wird dich überraschend stark und schnell machen, weil du Dinge ohne großen Aufwand zeigen kannst.
Es geht nicht um Äußerliches, sondern um die innere Gesetzmäßigkeit der Bewegung.
Und das macht es so gut und so einfach!
Tanzkurven: Diese Linien folgen nicht der Kontur des Körpers, sondern der Richtung, dem Schwung und der Spannung der Bewegung.
Gestisch Zeichnen -so geht es.
Ich selbst benutze dieses System, wenn ich gestisch zeichne.
Wenn ich eine Person zeichne, dann halte ich die Körperposition in zwei Linien fest.

Die eine Linie geht vom Kopf bis zum Boden.
Diese kann noch durch ein zweites Bein ergänzt werden.
Die andere Linie ist der Winkel der Arme zueinander.
Zwei Linien, und ich habe die Position! Das macht mich schnell und spontan! Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, und damit sitzt es!

Gestisches Zeichnen – die innere Ordnung.
Einfach!
Für Menschen, die zeichnen und malen, ist dies besonders wichtig. Denn es lässt dich das Wesentliche sehen.
Ein zentraler Gedanke des Artikels ist, dass jede Bewegung einer inneren Ordnung folgt.
Kandinsky betont, dass diese Kurven keine dekorativen Linien sind. Sie sind Analyseinstrumente.
Sie reduzieren die Bewegung so weit, dass nur noch ihr Kern übrig bleibt.
Und dies mache ich mir beim gestischen Zeichnen zunutze!
Gestisches Zeichnen sorgt also dafür, dass alles verständlicher wird.
Schnickschnack macht deine Zeichnungen kaputt.
Mit dem gestischen Zeichnen kann man schnell Serien erstellen.
Und natürlich: Wenn man flott zeichnet oder malt, dann entstehen Fehler. Die eine schnelle Skizze wird gut, eine andere eben nicht!

Die rechte finde ich gruselig, die linke richtig gut!
Die meisten Zeichner, die nicht gut zeichnen können, scheitern nicht an ihrer Unfähigkeit und auch nicht an mangelndem Talent. Sie scheitern daran, dass sie sich in ihren vielen kleinen Linien verirren. Alles wird schwer und kompliziert. Dadurch gehen die wesentlichen Proportionen und die wesentliche Aussage flöten!
Die meisten Bilder und Zeichnungen gehen durch zu viel kaputt!
Legst du aber zuerst die grundlegende Geste auf das Blatt, dann verdichtest du die grundlegende Aussage und hast es dann später beim Zeichnen einfacher!
Du kannst schnelle Serien malen und zeichnen, und nichts macht dich besser!

Gestisches Zeichnen – jeder Zeichner und Maler muss neu sehen lernen.
Die Tanzkurven stehen exemplarisch für eine neue Form des Sehens. Sie zeigen, dass Kunst nicht abbilden muss, um zu erfassen. Sie kann reduzieren und ordnen – und dadurch zu größerer Klarheit gelangen.
Und deshalb solltest du zuerst lernen, die wesentlichen Linien und Schwünge zu beobachten.
Zusammengefasst würde ich über Kandinskys Artikel sagen:
Der Artikel ist keine Tanzkritik und auch kein kunsthistorischer Text, sondern eine methodische Untersuchung, wie man schnell und effektiv Bewegung festhält.
Kandinskys Ideen sind nützlich und übertragbar, egal auf welche Kunstrichtung.
Hier sieht man ein Drei-Minuten-Aquarell, darunter liegt in Beige die Tanzkurve. Kannst du Reste der Tanzkurve erkennen?

Der große Fortschritt liegt nicht darin, immer mehr richtig zu machen, sondern darin, das Wesentliche nicht zu verwässern.
Es einfach rauszuhauen!
Kandinsky selbst hätte das Hinzufügen von Details wahrscheinlich als Verwässerung empfunden!
Ich jedoch sage:
Mach mit diesem wertvollen Wissen, was du möchtest, aber nutze es!
Sei pragmatisch. und das bedeutet benutze einfaches Material!
Sei pragmatisch. Und das bedeutet: Benutze einfaches Material!

Ein praktisches und schnelles Werkzeug ist angesagt.
Wir brauchen zuerst eine grobe Linie, die die Geste, das Strichmännchen, festhält.
Dann sollte der Stift oder Pinsel in der Lage sein, der Linie Volumen zu verleihen.
Ich benutze deshalb dicke Werkzeuge. Gerne arbeite ich mit japanischen Pinselstiften, gefüllt mit Tusche, Zimmermannsbleistiften oder dicken Pinseln.
Wichtig ist: Feine Stifte oder Pinsel eignen sich für diese Technik nicht! Sie können die Tanzkurve nicht in eine Fläche umwandeln. Noch schlimmer: Sie verleiten zu vielen Linien und Details!
Gestisch zeichnen heißt, dass man sich vom absoluten Minimum an das richtige Maß an Detail herantastet.
Und weniger ist mehr, deshalb lieber dicke Werkzeuge!
Fügt man Detail hinzu, wird die Skizze an einem Punkt umkippen. Sie wird verwässert, überfrachtet, hässlich und aussagelos. Der Kipppunkt ist überschritten, die Zeichnung zerfällt.
Lasse gute Skizzen so, wie sie sind! Diese hier wurde mit einem Tuschepinsel mit Tank gemacht.
Liebe Grüße
Tine

Liebe Grüße Tine!
Wertvolles Wissen!
5000 lesen – nur eine Handvoll spendet.
Ein bisschen peinlich… und deshalb ein umso größerer Dank an euch!
Ihr seid die stillen Heldinnen und Helden im Hintergrund.
Danke, dass ihr Kultur nicht nur genießt, sondern tragt.
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