Auf der Strasse malen!

Auf der Straße malen

Heute möchte ich euch darauf vorbereiten, auf der Straße zu malen.

Letzte Woche gab es keinen Blog. Ich war nämlich auf einer wunderbaren Urban-Sketching-Veranstaltung in St. Gallen. Dort treffen sich Menschen, die gemeinsam auf der Straße zeichnen und malen. Und ich kann euch nur sagen:

Dieses Gefühl ist großartig.

Auf der Straße waren sicherlich 300 Menschen, die malten und zeichneten. Gerade am Anfang gibt dir diese Masse unglaublich viel Schutz. Denn wenn es alle tun, ist es plötzlich nicht mehr peinlich. Du sitzt nicht mehr allein mit deinem Skizzenbuch irgendwo auf der Straße und denkst:

Um Gottes willen, jetzt gucken alle auf mich.

Denn ein Bild sieht, während du es malst, oft längst nicht so hübsch aus wie das fertige Bild.

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

St. Gallen in der Kugelgasse. Hier habe ich nicht nur gemalt, sondern auch jede Menge Menschen kennengelernt. Sie haben mich gelobt, ich habe ihr halbes Leben erfahren und ganz nebenbei noch eine kleine Stadtführung bekommen, weil mir jeder etwas über seine Stadt erzählte.

Die Leute sehen sofort:

Hier ist etwas los!

Denn an jeder Ecke sitzen Menschen, malen und zeichnen.

 

Ich wurde unglaublich oft angesprochen: „Was ist denn hier los? Warum malen hier alle? Und wie kann ich da mitmachen?“

Und genau dazu möchte ich heute auch dich animieren:

Mach mit!

Um Gottes willen, jetzt sehen alle, was ich hier mache!

Natürlich kostet es Überwindung, sich mit seinem Skizzenbuch auf die Straße zu setzen.

Aber genau das verliert sich erstaunlich schnell.

Schon klar: Die Leute, mit denen du zusammen zeichnest und malst, sind meistens sehr nett. Ihr habt gemeinsame Interessen, schaut gemeinsam auf die Welt und deshalb kommt man schnell miteinander ins Gespräch.

Aber was ist mit den anderen Leuten auf der Straße?

Denn sobald ihr auf der Straße malt, passiert etwas Merkwürdiges:

Wildfremde Menschen sprechen euch an.

Ganz oft bildet sich ein kleiner Menschenauflauf, wenn du beginnst zu zeichnen oder zu malen. Ich habe hier ein Bild aus Malaysia. Dieses Phänomen ist international – und auch in der Schweiz werden dich immer wieder Menschen ansprechen. Denn in St. Gallen hatte ich kaum einen Moment, in dem nicht jemand hinter mir stand, zuschaute oder fotografierte.

Kein anderer Beruf würde so behandelt wie ein Künstler auf der Straße. Niemand würde zu einem Koch, der gerade Würstchen brät, gehen und sagen:

„Also, ich kann auch Würstchen braten. Und ich kann Ihnen eines sagen: Ich würde ganz andere Würstchen nehmen!“

Bei einem Künstler ist das vollkommen normal.

„Also!!! Meine Tante Elli malt ganz wunderbar.“

Die Leute bleiben stehen, schauen dir über die Schulter und erzählen dir, dass sie auch malen, früher einmal gemalt haben. Und erstaunlich viele haben auch gleich einen guten Ratschlag für dich.

Durch Kunst erwacht der Mensch zum Leben

Warum behandeln dich wildfremde Menschen plötzlich so, als würden sie dich seit Jahren kennen?

Niemand würde zu einem Elektriker gehen, mit ihm über Drähte fachsimpeln und ihm dann noch Tipps geben, obwohl er überhaupt keine Ahnung von Elektrik hat.

Wenn du auf der Straße malst, wird deine Arbeit sichtbar. Die meisten Menschen üben ihre Berufe und Hobbys hinter verschlossenen Türen aus. Doch du sitzt mitten auf der Straße.

Das macht dich interessant.

Du wirst also zu einer Person des öffentlichen Lebens.

Die Menschen können beobachten, wie aus einem weißen Blatt langsam ein Bild entsteht. Und das löst etwas aus: Gefühle, Erinnerungen, Neugier und manchmal auch Widerspruch.

Viele Menschen sind es gar nicht mehr gewohnt, ihre Umgebung wirklich anzuschauen. Sie laufen täglich durch ihre Stadt und nehmen vieles kaum noch bewusst wahr.

Und du malst genau das Haus, an dem dieser Mensch vielleicht seit zwanzig Jahren jeden Morgen vorbeiläuft.

Plötzlich schaut er hin.

Mach dir ganz einfach klar: Du erweckst Menschen, die jahrelang blind durch ihre Stadt gelaufen sind, zum Leben.

Du wirst zum Augenöffner.

Deine Kunst erzeugt Sehen im Gehirn des Anderen.

Deshalb sind die Kommentare der Menschen auch nicht unbedingt ein Urteil über dein Bild. Oft erzählen sie viel mehr über den Kopf des anderen Menschen als über deine Kunst.

Von der großen Bewunderung

Wenn man auf der Straße malt, schämt man sich manchmal ein bisschen. Besonders in den Phasen, in denen das eigene Bild noch etwas schäbig aussieht.

Doch mach dir klar: Viele Menschen sind ein bisschen neidisch auf dich.

Du kannst besser malen und zeichnen als die allermeisten Menschen. Viele wären selbst gerne kreativ, haben aber nicht den Mut dazu.

Die Menschen suchen nicht die Verbindung zu dir, weil sie dein Bild doof finden.

Sie suchen die Verbindung zu dir, weil du sie anregst und inspirierst.

Die meisten Menschen würden selbst gerne malen. Einen Künstler anzusprechen erlaubt ihnen, für einen kleinen Moment an deiner wunderbaren Welt teilzuhaben.

Warum reden eigentlich alle mit Künstlern?

Wenn Menschen dir beim Malen zusehen, können sie für einen kleinen Moment durch deine Augen schauen.

Sie vergleichen: Was ist dort auf der Straße? Was sieht sie? Was sehe ich? Und was malt sie jetzt gerade?

Dadurch zeigst du ihnen eine Art des Sehens, die sie vielleicht selbst gar nicht haben.

Und genau das erklärt auch, warum sie so wenig Scheu haben, mit dir Kontakt aufzunehmen.

Wenn also ein wildfremder Mensch auf dich zukommt, dann mach dir eines klar:

Wahrscheinlich hat dieser Mensch schon eine ganze Weile hinter dir gestanden und mit dir zusammen gesehen.

Für dich ist er noch ein Fremder. Für ihn bist du es längst nicht mehr.

Vielleicht nervt es dich manchmal, dass dich so viele Menschen ansprechen. Aber denk daran:

Du bist eine Inspirationsquelle.

Vielleicht hat dieser Mensch jahrelang keinen Fremden auf der Straße angesprochen. Und nun hast du ihn so bewegt, dass er auf dich zugeht.

Mensch, Mann, Kind, Hund

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

Auf der Straße zu malen ist ein Bad in der Menge. Man lernt sie alle kennen: Mensch, Mann, Kind, Hund.

Tatsächlich bereichert mich das Reisen auch beim Malen und Zeichnen. Man erlebt etwas, man sieht Orte und Menschen, lernt andere Blickwinkel kennen – und das Leben ist alles andere als langweilig.

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

 

Meistens sind diese Kontakte sehr positiv. Menschen sagen dir, wie wunderbar sie dein Bild finden. Sie fragen nach Malunterricht oder möchten ein Bild kaufen.

Und manchmal wird es etwas spooky.

Die Gefühle brechen aus den Menschen heraus und sie erzählen dir Dinge, über die sie sonst wahrscheinlich mit niemandem sprechen würden.

Irgendwer erzählt dir dann, dass das alles so wunderschön ist und dass Malen sicher auch bei den eigenen psychosomatischen Problemen und dem Brechdurchfall helfen würde.

Da weiß ich manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Aber mach dir klar: Du hast diesen Menschen bewegt.

Natürlich bist du trotzdem kein unbezahlter Psychotherapeut.

Wie hält man sich lästige Plagegeister vom Hals?

Du musst nicht mit jedem Menschen reden, der dich anspricht.

Freundlichkeit bedeutet nicht, dass du deine Konzentration verschenken musst.

Wenn du deine Ruhe möchtest, mach dich ein bisschen unzugänglich. Kopfhörer sind dafür großartig – selbst wenn gar keine Musik läuft.

Auch dein Blick ist wichtig. Sobald du Blickkontakt aufnimmst, öffnest du die Tür zum Gespräch. Malst du einfach weiter, verstehen die meisten Menschen, dass du konzentriert bist.

Und wenn nicht, darfst du freundlich sagen:

„Danke schön! Ich muss mich gerade sehr konzentrieren.“

Oder noch besser:

„Entschuldigung, ich muss jetzt wirklich weitermalen, sonst trocknet mir die Lasur weg.“

Das ist beim Aquarell nicht einmal gelogen.

Auch dein Sitzplatz entscheidet darüber, wie viel Publikum du bekommst. Direkt an der Fußgängerzone oder neben einem Café? Publikum garantiert. Etwas seitlich, mit dem Rücken zu einer Wand oder einem Baum? Viel mehr Ruhe – und niemand kann direkt hinter dir stehen.

Wenn du dagegen Lust auf Menschen hast, mach genau das Gegenteil. Sitz offen, schau hoch, lächle und rede mit ihnen.

Du entscheidest, wie weit du deine Tür öffnest.

Und lass dich von ungefragter Kritik nicht aus der Ruhe bringen. Der Mensch, der drei Minuten hinter dir gestanden hat und sagt: „Da fehlt aber noch ein Fenster“, ist nicht plötzlich dein Mallehrer geworden.

Lächle.

Und mal weiter.

Denn beim Malen auf der Straße gehört nicht nur Mut dazu, sich hinzusetzen. Man muss auch lernen, seine eigenen Grenzen freundlich zu verteidigen.

Und denk immer daran:

Du bist wunderbar!

Liebe Grüße
Tine

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Hier gebe ich dir nun einige Adressen, über die du Urban Sketchers in deiner Umgebung findest. Schau nach Treffen, Sketchwalks und größeren Events – und dann trau dich einfach und geh hin!

 

Und jetzt bist du dran!

Möchtest du selbst einmal so ein schönes Event besuchen und mit anderen auf der Straße malen und zeichnen?

Schweiz:
Urban Sketchers Switzerland

Deutschland:
Urban Sketchers in Deutschland – Übersicht der regionalen Gruppen

Weltweit:
Urban Sketchers – weltweite Chapter-Karte

Dort kannst du nach einer Gruppe in deiner Nähe suchen. Mittlerweile gibt es weltweit fast 600 offizielle Urban-Sketchers-Chapter.

Und das Schöne daran: Du musst nicht erst „gut genug“ sein. Die Treffen sind zum gemeinsamen Zeichnen da.

Also: Skizzenbuch einpacken und los!