Mischen auf dem Blatt – wenn der Zufall mitmalt

Schluss mit Zufall beim Mischen! 🎨
Noch 2 Plätze frei in Zürich. Lerne, warum Farben funktionieren – oder eben nicht. Dieses Wissen begleitet dich bei jedem Bild.

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Tine Klein Scheune Baselland – mit dem Velo entdeckt.

Ich mag Victoria Prishedko sehr. Sie ist die Königin der fließenden Farben und der Mischungen auf dem Blatt.

Viktoria Prischedko sagt: „Wenn eine Mischung auf der Palette nicht sofort klappt und du zu lange rühren musst, dann wirf sie weg!“

Das ist natürlich krass! Und vermutlich ist es auch ein bisschen überspitzt.

Aber hinter diesem Satz steckt eine wichtige Beobachtung. Einerseits liegt das Problem sicher an zu vielen Pigmenten. Je mehr unterschiedliche Pigmente wir miteinander vermischen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich gegenseitig neutralisieren.

Die Mischung verliert ihre Leuchtkraft und wird stumpf.

Andererseits könnte Prischedkos Meinung noch einen ganz anderen Grund haben: Gut verrührte Farbmischungen sind absolut homogen.

Das heißt, sie sind perfekt – vielleicht sogar zu perfekt.

Ein Blaugrün, das auf der Palette gründlich verrührt wurde, ist überall dasselbe Blaugrün. Auf dem Papier passiert nichts mehr. Die Farbe ist fertig.

Doch gerade diese Gleichförmigkeit kann einem Aquarell Lebendigkeit nehmen.

Denn eine unfertige Mischung wäre Blau, Gelb und Grün. Das ist einfach viel mehr.

Warum liebt unser Auge Abwechslung?

Unser Auge ist neugierig.

Gleichförmige Flächen erfassen wir erstaunlich schnell – und dann verlieren wir das Interesse. Kleine Veränderungen dagegen halten unsere Wahrnehmung wach. Ein Grün, das an einer Stelle etwas gelblicher und warm, an einer anderen etwas blauer und kühl ist, bietet dem Auge ständig neue kleine Reize.

Besonders reizvoll ist der Wechsel zwischen warm und kalt.

Schau dir einmal an, was ich meine. In meinem Bild sind die Bäume im Hintergrund in einer blassen, türkisen Farbe gemalt. Dennoch trennt sich die Farbe: An einigen Stellen erscheint ein warmes Gelb, während der Löwenanteil Türkis ist.

Das Interessante dabei:

Wir brauchen dafür gar keine großen Farbunterschiede.

Schon kleine Schwankungen innerhalb einer Farbfamilie lassen eine Fläche lebendig erscheinen. Genau deshalb wirken manche Aquarelle so wunderbar selbstverständlich und andere trotz technisch perfekter Ausführung ein wenig steril.

Nach der Arbeit: Murten Ch im Abendlicht

Schau mal, wie hier die Gelb- und Rosatöne in den Hauswänden wechseln.

 

Palette oder Papier – wo soll die Mischung entstehen?

Beides hat seine Berechtigung.

Das Mischen auf der Palette gibt Sicherheit. Ich kann meine Wunschfarbe kontrollieren, ihre Helligkeit prüfen und größere Mengen eines bestimmten Farbtons vorbereiten. Das ist besonders hilfreich, wenn ich eine ruhige, zusammenhängende Fläche brauche. Ein Himmel, eine große Schattenfläche oder eine Lasur profitieren häufig davon.

Wer Probleme hat, schnell zu arbeiten, und wem die Farbe zu schnell wegtrocknet, der sollte auf jeden Fall einige Farben auf der Palette mischen. Denn das verschafft einem enorm viel zusätzliche Zeit, weil man nicht jedes Mal während des Malens neu mischen muss.

Ein gestresster Maler ist schließlich kein guter Maler.

 

Der Nachteil: Je länger ich rühre, desto gleichförmiger wird die Mischung. Außerdem steigt bei komplizierten Mischungen die Gefahr, dass immer mehr Pigmente zusammenkommen und die Farbe stumpf wird.

Beim Mischen auf dem Blatt passiert etwas völlig anderes.

Hier setze ich beispielsweise zuerst Gelb und lasse Blau hineinlaufen. Beide Farben vermischen sich – aber eben nicht überall gleich. An einer Stelle bleibt mehr Gelb stehen, an einer anderen entsteht Grün, daneben schimmert vielleicht noch reines Blau.

Das Ergebnis ist weniger kontrollierbar, dafür wesentlich lebendiger.

Die Palette schenkt uns Kontrolle. Das Papier schenkt uns Variation.

Und ein gutes Aquarell braucht meistens beides.

Die glücklichen Unfälle

Ich liebe diese kleinen „Unfälle“ beim Aquarellieren. Eine Farbe läuft ein paar Millimeter weiter als geplant. Zwei Pigmente treffen sich und bilden plötzlich einen wunderschönen Rand. Ein Blau schiebt sich ins Braun und erzeugt genau dort ein kühles Grau, wo ich es niemals bewusst hingemischt hätte.

Das sind keine Fehler. Das sind Angebote.

Es regnet in Girona: Aquarell Tine Klein

Natürlich geht dabei gelegentlich etwas schief. Aber genau darin steckt ein Teil der Kreativität des Aquarells. Wenn wir jede Mischung vorher auf der Palette vollständig kontrollieren, bekommen wir vor allem das, was wir bereits kennen. Beim Mischen auf dem Papier kann dagegen etwas entstehen, auf das wir selbst nicht gekommen wären.

Der Zufall wird zum Mitarbeiter.

Man muss ihm allerdings erlauben mitzuarbeiten – und gleichzeitig wissen, wann man ihn wieder stoppen sollte.

Was muss man beim Mischen auf dem Blatt beachten?

Die wichtigste Regel lautet: Wasser entscheidet darüber, wie stark sich Farben miteinander vermischen.

Treffen zwei sehr nasse Farben aufeinander, vermischen sie sich kräftig. Liegt eine Farbe bereits etwas ruhiger auf dem Papier und kommt eine zweite, konzentriertere Farbe hinzu, bleibt diese stärker an ihrem Platz.

Deshalb ist das Mischen auf dem Blatt keine vollkommen unkontrollierte Technik.

Im Gegenteil: Mit zunehmender Erfahrung steuern wir über Feuchtigkeit, Pigmentmenge und Timing, wie viel Zufall wir zulassen.

Mein Tipp: Benutze immer das gleiche Papier, denn wer mit feuchten Techniken arbeitet, braucht ein gutes Timing. Das Papier ist dabei von entscheidender Bedeutung.

Früher hieß es immer, man brauche unbedingt Baumwollpapier. Aber es gibt auch gute heißgepresste Papiere, auf denen diese Technik tadellos funktioniert. Wichtig ist, dass du nicht zu dünnem oder ganz billigem Papier greifst. Denn hier kann ich dir garantieren, dass die Technik nicht funktioniert:

Das Papier wellt sich brutal, und damit wird die Feuchtigkeit unkontrollierbar.

Von hell nach dunkel – und vom Nassen zum Trockeneren

Beim klassischen Aquarell arbeiten wir häufig von hell nach dunkel. In den ersten hellen Lasuren dürfen Farben großzügig ineinanderlaufen – vorausgesetzt, diese Mischung ist erwünscht.

Diese Technik siehst du bei den Bäumen im Hintergrund und bei dem großen Baum rechts. Die Farben dürfen hier einfach ineinanderfließen. Man setzt immer dunklere Farben in die feuchten, helleren Farben.

 

Doch was passiert, wenn ich nur noch wenig Mischung möchte?

Dann muss sich die Arbeitsweise verändern.

Je dunkler wir werden, desto trockener sollte der Pinsel im Verhältnis zum Papier werden.

Gleichzeitig brauchen wir mehr Pigment. Der Pinsel wird also nicht mit dünner, wässriger Farbe gefüllt, sondern mit einer konzentrierten, pigmentreichen Mischung.

Auch diese Technik siehst du im Baum rechts. Die dunkle Farbe fließt sehr sämig in die hellere Farbe. Sie muss dabei richtig mit Pigmenten gesättigt sein, denn sonst entsteht in der Feuchtigkeit keine ausreichende Dunkelheit.

Das ist entscheidend beim Mischen auf dem Blatt:

Setzen wir eine sehr wässrige dunkle Farbe in eine feuchte Fläche, breitet sie sich unkontrolliert aus.

Die Dunkelheit verliert ihre Kraft und überschwemmt womöglich genau die schönen Farbunterschiede, die wir vorher geschaffen haben.

Mit zunehmender Dunkelheit heißt es deshalb: weniger Wasser, mehr Pigment und genaueres Timing.

So entsteht ein wunderbares Wechselspiel. Am Anfang dürfen die hellen Farben miteinander tanzen. Später setzen die dunkleren Töne Grenzen, Akzente und Struktur.

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit: Eine Dunkelheit wird von einer hellen, leuchtenden Farbe überschwemmt, dabei wird die dunklere Farbe leicht angelöst. Der Effekt ist wunderbar. Das siehst du sehr schön in der großen gelben Fläche. Die helle, leuchtende Farbe fließt über die bereits gemalte Dunkelheit und löst sie dabei leicht an. So entstehen ganz von selbst weiche, unregelmäßige Schatten.

Tine Klein Aquarell Baselland. Tutorial Aquarell, Mischen auf dem Blatt

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Reiz des Mischens auf dem Blatt: Wir bestimmen die Farben – aber wir schreiben ihnen nicht jeden Schritt vor.

Ein bisschen Freiheit sollte man dem Aquarell schon lassen.

Liebe Grüße Tine

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