Grau im Aquarell – warum ausgerechnet Grau Farben zum Leuchten bringt

Grau im Aquarell tutorial von Tine Klein

St.Gallen

Ich sitze auf der Straße, direkt unter dem Standbild eines Reformators, und male. Eigentlich bin ich ganz gut im Fluss.

Da tritt eine ältere Dame auf mich zu. Sie ist begeistert von meinem Bild – und offensichtlich auch von allem, was es rundherum noch zu entdecken gibt.

„Schauen Sie mal hier!

Und das da in der Schnitzerei ist mein Lieblingselefant. Und wenn Sie sich jetzt einmal umdrehen: Der Erker ist ganz wunderbar! Haben Sie eigentlich schon die zweite Kirchenspitze gesehen? Sie sind hier sicher im Urlaub.“

Ich lächle freundlich. Dann ist sie weg. Aber erst, nachdem sie mich total konfus gemacht hat!

Und ich schaue auf mein Bild.

Wo war ich gerade noch mal?

Ich habe keine Ahnung mehr, wie viele Kirchenspitzen dieser Turm eigentlich hat. Noch schlimmer: Wie war die Aufteilung? Wo saß was?

Das Gespräch könnt ihr heute noch wunderbar in meinen etwas krummen Kirchenspitzen sehen.

Was mir in diesem Moment den Hintern gerettet hat, war Grau.

Grau ist im Aquarell und ganz besonders beim spontanen Skizzieren eine wunderbar hilfreiche Farbe. Ist es dunkel genug, kann es bereits aufgetragene Farbe strukturieren und  manchen kleinen Fehler im Nu verschwinden lassen.

Doch das ist gar nicht seine wichtigste Aufgabe.

Grau schafft Ruhe. Es hält sich zurück und gibt damit den anderen Farben Raum.

Die kleine graue Maus lässt die anderen Farben leuchten.

Ausgerechnet Grau – wie Grau Farben schön macht!

Grau hat ein ausgesprochen schlechtes Image.

Grau ist Nebel. Grau ist November. Grau ist still und trüb, während Rot, Gelb und Türkis auf dem Tisch tanzen.

Aber genau das ist seine Aufgabe!

Dadurch, dass Grau eben nicht auf dem Tisch tanzt, können die anderen zeigen, wie schön und farbig sie sind.

Denn wer ein Bild malt, in dem alles gleich bunt und gleich wichtig ist, malt meistens ein ziemlich langweiliges Bild. Wenn alle Farben gleichzeitig rufen: „Schau mich an!“, weiß unser Auge irgendwann überhaupt nicht mehr, wohin es schauen soll.

Das ist eines der kleinen Paradoxe der Malerei:

Wir müssen Farbe zurücknehmen, damit Farbe stärker wirken kann.

Grau im Aquarell – ein wunderbarer Farbenschmeichler

Damit Grau diese Rolle übernehmen kann, muss es einiges leisten. Es muss sich anpassen, verbinden, beruhigen und manchmal einen Gegenpol bilden.

Ein gutes Grau ist deshalb keineswegs immer einfach nur grau.

Viele Aquarellmaler greifen zu einem fertigen Grau wie Payne’s Grey. Und daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Es schafft Dunkelheiten, beruhigt Flächen und bringt schnell Struktur ins Bild.

Doch damit verschenken wir Möglichkeiten.

Der Hersteller hat bereits etwas für uns angerührt. Ob genau dieses Grau zu unserem Bild und unseren Farben passt, ist mehr oder weniger Zufall.

Vielleicht braucht unser Bild einrötliches  Grau, das ein Blau unterstützt. Oder ein kühles, leicht bläuliches Grau, neben dem Orange plötzlich Feuer fängt. Vielleicht brauchen wir ein violettes, grünliches oder rötliches Grau.

Dies sieht man im Bild ganz genau: Neben den orangen Dächern wird das Grau blau.

Denn Grau ist nicht einfach die Abwesenheit von Farbe. Grau kann genau die Farbe enthalten, die unser Bild gerade braucht.

Wer sein Grau selbst mischt, bekommt ein Werkzeug, mit dem er die anderen Farben schöner machen kann.

Grau im Aquarell – warum fertiges Grau nur die zweite Wahl ist

Schon wenn man Grau aus nur zwei Farben mischt, zum Beispiel aus Ultramarinblau und gebranntem Siena, wird es lebendig.

Und plötzlich habe ich etwas Entscheidendes in der Hand: Ich kann mein Grau steuern.

Ich kann es dunkler oder heller, wärmer oder kühler machen. Mal darf das Blau stärker hervortreten, mal das Braun.

Grau ist also letztendlich gar nicht grau.

Schaut euch meinen Kirchturm an. Hier ist mein Grau so dunkel, dass es fast schon Dunkelblau oder Schwarz ist. Damit strukturiere ich den Turm – und ganz nebenbei kann ich meine etwas verunglückten Kirchenspitzen wieder in den Griff bekommen.

Doch das dunkle Grau kann noch mehr.

Das Grün der Kirchturmspitze im Hintergrund beginnt daneben stärker zu leuchten.

Der deutliche Hell-Dunkel-Kontrast trennt den Turm von seiner Umgebung und macht ihn zum Hingucker.

Gleichzeitig bekommt er durch das Spiel aus Licht und Schatten Volumen.

Mit Grau kann ich die Farbstimmung steuern

Nun schaut euch meine Schatten an. Sie sind keineswegs neutral grau. Viele davon sind fast violett. Schau ins Bild!

Aus Ultramarin und gebranntem Siena bekomme ich wunderbare Grautöne, aber einen solchen violetten Schatten kann ich damit kaum gezielt mischen.

Deshalb mische ich meine Grautöne und Schatten sehr gerne aus meinen Grundfarben.

In diesem Bild arbeite ich mit

Indischgelb, Permanent Rose – also einem kühlen, pinkfarbenen Rot – und meinem Ultramarin Blau.

Mit diesen drei Grundfarben kann ich mein Grau in fast jede Richtung schieben:

Mehr Blau – und es wird kühler. Mehr Permanent Rose – und es wandert Richtung Violett. Mehr Gelb – und es wird wärmer oder neutralisiert sich, je nachdem, welche Farbe vorher überwogen hat.

Ich mische nicht irgendein Grau. Ich mische genau das Grau, das mein Bild braucht.

Grau kann Farben zum Leuchten bringen

Mein Bild enthält sehr viele Grau- und Blautöne. Das birgt eine Gefahr: Es kann schnell kalt und trüb werden.

Deshalb gebe ich meinen Grautönen Farbe.

Der blaue Turm bekommt zum Beispiel einen warmen violetten Schimmer. Dadurch wirkt das Bildzentrum freundlicher und farbiger.

Und nun schaut auf das rötlich-gelbe Haus neben dem Kirchturm. Es ist ein Hingucker – aber nur, weil es in seiner Umgebung dieses große graue Haus gibt.

Gelb und Violett sind Komplementärfarben.

Stehen sie nebeneinander, steigern sie gegenseitig ihre Wirkung. Das Gelb erscheint leuchtender, weil das Violett ihm einen Gegenpol bietet.

Genau das ist die Macht der Komplementärfarben.

Mit Grau kann ich zeigen, was wichtig ist

Damit wird Grau zu einem Werkzeug für den gesamten Bildentwurf.

Die farbigeren Grautöne und stärkeren Kontraste konzentrieren sich dort, wo ich den Blick des Betrachters haben möchte. Unwichtige Bereiche dürfen ruhiger und neutraler werden. Im Bildzentrum dagegen lasse ich die Farben miteinander spielen.

Mit Grau schaffst du immer Kontraste.

Das heißt: Ist das Bild zu kühl, wird dein Grau warm. Ist eine Farbe nicht leuchtend genug, dann gibst du ihr Dunkelheit oder einen Komplementärkontrast.

Der Komplementärkontrast

Mische ich beispielsweise aus Blau und Permanent Rose einen violetten Ton und breche ihn anschließend mit einem Hauch meines Gelbs, entsteht ein wunderschönes violettes Grau. Dieses Grau stärkt das gelbliche Haus durch den Komplementärkontrast.

Komplementärkontraste sind Farben, die sich genau auf der anderen Seite des Farbkreises gegenüberliegen.

Dadurch liegen die Wellenlängen weit auseinander und lassen sich gegenseitig leuchten.

Gleichzeitig steckt in meinem gemischten Grau bereits dasselbe Gelb, das auch an anderer Stelle im Bild vorkommt.

Die Farben sind also Gegenspieler – und trotzdem miteinander verwandt.

Genau deshalb erzeugt das Mischen von Grautönen aus den Grundfarben eine enorme Farbharmonie. Die gleichen Farben tauchen immer wieder auf, nur in völlig unterschiedlichen Mischungsverhältnissen.

Und genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke von Grau: Ich kann damit Fehler ausbügeln, Formen strukturieren, Licht und Schatten erzeugen, Farben zum Leuchten bringen und den Blick des Betrachters lenken.

Die kleine graue Maus ist also gar nicht so unscheinbar.

Eigentlich führt sie im ganzen Bild Regie.

Ich wünsche dir eine gute Zeit und viel Spaß beim Malen!

Tine

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