Granulierende Farben – so klappt es!

Granulierende Farben:

Lebhaft zu sein bedeutet, das Leben laut zu lieben.

Granulierende Farben wirken sehr lebhaft. Sie machen Bilder lebendig.

Granulierende Farben sind Aquarellfarben, deren Pigmente sich beim Trocknen nicht gleichmäßig verteilen.

Stattdessen sammeln sie sich in den Vertiefungen des Papiers und bilden eine körnige, lebendige Struktur.

Deshalb sehen die Bilder aus, als wären sie von Impressionisten gemalt. Genau dieser Effekt ist der Grund, warum sie derzeit so beliebt sind.

Granulation erzeugt fast von selbst Strukturen, die an Stein, Felsen, Erde oder verwitterte Mauern erinnern.

Gerade Landschaftsmaler profitieren davon. Die Bilder sehen natürlicher und lebendiger aus!

Wer Granulation beherrscht, malt lebendige Bilder.

Granulierende Farben sind Charakterköpfe.

Sie haben manchmal ihren eigenen Willen. Viele Hobbymaler haben festgestellt: Bei Profis sehen granulierende Farben toll aus. Malt man selbst damit, ist das Ergebnis oft nicht so schön – oder die Granulation tritt erst gar nicht auf. Warum?

Man muss also ein bisschen Fachwissen haben, um granulierende Farben zu beherrschen.

Die folgenden Absätze helfen dir, den Effekt besser zu verstehen.

 

Nicht jede Farbe granuliert.

Es gibt nur einige wenige Farben, die wirklich granulieren. Das sind die folgenden Pigmente:

Wenn man nur die wichtigsten granulierenden Pigmente nennen möchte, sind es:

  • PB29 – Ultramarin (der Klassiker schlechthin)
  • PB28 – Kobaltblau
  • PB35/PB36 – Cerulean Blue
  • PG50 – Kobalttürkis
  • PV14 – Kobaltviolett

Meistens sind dies Blautöne. Es gibt aber auch ein paar Naturtöne, die granulieren. Meistens steckt Eisenoxid in den Pigmenten.

 

Granulierende Gelbtöne

Farbe Pigment Granulation
Ockergelb PY43 mittel
Goethit PY43 mittel bis stark

Warum?
Gelboxide und Ocker sind natürliche oder synthetische Eisenoxide. Ihre Pigmente sind relativ grob und erzeugen deshalb eine feine Körnung.

Granulierende Rottöne

Caput Mortuum meist PR101 stark
Indian Red PR101 stark

Granulierende Naturtöne:

Gebrannte Umbra PBr7 mittel bis stark
Van Dyck Braun* je nach Hersteller unterschiedlich

 

Es gibt nur wenige Pigmente, die von Natur aus stark granulieren. Meist handelt es sich um Blautöne, aber auch einige Rot-, Gelb- und Naturtöne zeigen diesen Effekt. Der Grund ist fast immer derselbe: Die Pigmente sind entweder besonders grob oder enthalten Eisenoxide. Dadurch setzen sie sich beim Trocknen in den Vertiefungen des Papiers ab und erzeugen die charakteristische körnige Struktur.

Granulierende Farben können oft den Eindruck erwecken, als würden sie gar nicht granulieren.

Meist liegt das jedoch an der Verarbeitung.

Aquarellfarben brauchen viel Wasser – granulierende Farben sogar noch etwas mehr. Warum? Die Pigmente müssen im Wasser „schwimmen“ können, damit sie sich beim Trocknen ungleichmäßig in den Vertiefungen des Papiers absetzen. Wer die Farbe zu pastos oder mit zu wenig Wasser verwendet, wird kaum einen Granulationseffekt erzielen.

Das Pigment granuliert, wenn es schwimmt!

Ein weiterer Grund ist die Haltung des Aquarellpapiers. Normalerweise ist es sinnvoll, das Brett leicht schräg zu stellen, damit das Wasser eine Fließrichtung erhält. Granulierende Farben benötigen jedoch etwas Zeit, damit sich die meist schweren Pigmente absetzen können. Ist das Papier zu steil geneigt, fließen die Pigmente mit dem Wasser mit, anstatt sich auf dem Blatt niederzulassen.

Der Trick:

Wer eine möglichst starke Granulation erzielen möchte, sollte das Blatt möglichst waagerecht oder nur ganz leicht geneigt halten.

So haben die Pigmente genügend Zeit, sich abzusetzen und ihre charakteristische körnige Struktur zu entwickeln.

Granulierende Farben und die Gefahr von Dreck!

Natürlich haben die Hersteller von Aquarellfarben mittlerweile bemerkt, dass granulierende Farben schwer im Trend liegen. Deshalb kann man unendlich viele granulierende Töne kaufen.

Granulierende Farben kann man recht einfach selbst mischen, denn ist eine granulierende Farbe in der Mischung enthalten, granuliert auch der Mischton – wenn auch nicht so stark wie das ursprüngliche granulierende Pigment.

Hier granuliert Französisches Ultramarin.

Besonders eignen sich PB29 (Französisches Ultramarin) sowie PB35 und PB36 (Cobalttöne), um andere Farben zum Granulieren zu bringen.

Granulierende Farben und die Marktwirtschaft.

Ich möchte jedoch von gekauften granulierenden Mischfarben ein wenig abraten.

Die Hersteller haben nämlich das gleiche Problem wie du. Sie müssen ein stark granulierendes Pigment in ihre Farbmischungen bringen.

Sehr häufig ist dies Französisches Ultramarin, denn diese Farbe granuliert besonders stark.

Französisches Ultramarin ist allerdings der wärmste Blauton. Deshalb kann man damit zum Beispiel kein schönes Grün mischen. Jetzt beginnt man zu tricksen, und in den gekauften Farben stecken dann zwei oder sogar vier Pigmente.

Wenn du beginnst zu mischen, stecken dann drei, vier oder sechs Pigmente in deinem Farbton. Die Folge ist, dass sich einige der Pigmente gegenseitig neutralisieren. Das heißt:

Du produzierst beim Mischen Dreck!

Hinzu kommt, dass auch Eisenoxidpigmente in den granulierenden Erdtönen deine Farben dämpfen.

Viele der granulierenden Farben haben sehr schöne, bildhafte Namen. Oft erinnern sie an Natur und Wüste, weil sie Erdpigmente und Oxide enthalten.

Im Grunde heißt das: Diese Farben dämpfen die Leuchtkraft deiner Mischungen garantiert!

Generell kann man die granulierenden Mischfarben der Hersteller benutzen. Es gibt auch einige sehr gelungene Farbtöne.

Aber man bezahlt dafür mit dem Verlust der Leuchtkraft beim Mischen.

 

Granulation mit Gefühl statt Zufall.

Generell möchte ich gar nicht über die Farbhersteller schimpfen. Sie folgen schließlich nur den Bedürfnissen des Marktes.

Dennoch haben die Hersteller wesentlich bessere Farben im Programm. Es gibt wunderschöne granulierende Farbtöne, die nur aus einem oder wenigen Pigmenten bestehen. Deshalb ist es deutlich sinnvoller, sich eine kleine Auswahl solcher Farben zuzulegen.

Wer die einzelnen Pigmente kennt, kann ihre Wirkung beim Mischen gezielt steuern. Das ist wesentlich besser, als fertige Mischfarben mit vielen Pigmenten zu kaufen.

Die wichtigsten granulierenden Farben.

PB29 – Französisches Ultramarin
Der Klassiker unter den granulierenden Pigmenten. Es granuliert besonders stark und eignet sich hervorragend zum Mischen vieler granulierender Farbtöne. Dies ist die Basisfarbe aller granulierenden Aquarelle. Es mischt allerdings nur matte, dumpfe Grüntöne.

PG50 – Kobalttürkis
Eines der leuchtkräftigsten granulierenden Pigmente. Ideal für Wasser, Himmel und frische Türkistöne mit faszinierenden Strukturen. Es gleicht die Schwächen des Französischen Ultramarins beim Mischen von Grüntönen aus.

PR101 – Caput Mortuum
Ein stark granulierendes Eisenoxidpigment. Perfekt für warme Rot-, Braun- und Violetttöne sowie Felsen, Dächer und Mauern. Doch diese Farbe empfehle ich nur mit Bauchschmerzen. Sie muss mit viel Fingerspitzengefühl angewendet werden. Es ist eine Farbe, die in kleinen Mengen Struktur verleiht.

PY43 – Goethit
Ein natürliches Erdpigment mit schöner Granulation. Hervorragend für Sand, Erde, Herbstlandschaften und warme Gelbtöne.

PB35 oder PB36 – Cerulean
Ein klassisches Himmelblau mit feiner bis kräftiger Granulation. Unverzichtbar für atmosphärische Himmel, Wasser und kühle Mischungen.

Dies ist eine kleine Liste granulierender Farben, die beim Erstellen von Bildern sehr hilfreich sein können. Mit dieser eher kleinen Auswahl kann man viele Mischfarben granulieren lassen.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Ach, stopp! Noch ein kleiner Tipp.

Nicht immer ist Granulation erwünscht. Granulierende Farben sprenkeln besonders stark, wenn viel Wasser im Spiel ist – also ausgerechnet bei Himmel und Wasserflächen. Und ein Himmel voller Flecken ist nicht jedermanns Sache!

Deshalb kann es sinnvoll sein, eine nicht oder weniger granulierende Alternative im Farbkasten zu haben. Sie sieht farblich fast gleich aus, macht aber deutlich weniger Krümel.

Bei French Ultramarin ist das zum Beispiel Ultramarin feinst, bei Cerulean kann Lavender eine Alternative sein.

Und noch ein Tipp, für den ich selbst sehr dankbar war: Wasser wechseln! Granulation ist nämlich ansteckend. Pigmentteilchen landen im Malwasser und wandern von dort in die nächste Farbe. Wer nicht möchte, dass plötzlich alles sprenkelt: frisches Wasser!

So, jetzt weißt du, warum es in manchen Farben heimlich glitzert, krümelt und sprenkelt. Probier es einfach aus – denn am Ende lernt man Aquarellfarben am besten kennen, wenn man sie machen lässt.

Ich wünsche dir ganz viel Freude beim Malen, ein bisschen Mut zum Zufall und natürlich genau die richtige Menge Krümel im Bild.

Bis nächste Woche und liebe Grüße
Tine

Kostenloses Fachwissen ist eine feine Sache. Besonders für den, der es liest. 😉

Fachwissen frei zugänglich zu machen, ist allerdings nicht ganz kostenlos. Irgendjemand muss Farben kaufen, ausprobieren, recherchieren und diesen ganzen Kram auch noch aufschreiben. Seltsamerweise erledigen das die Heinzelmännchen nicht.

Damit es hier weiterhin jede Woche Wissen, Experimente und neue Ideen gibt, braucht dieser Blog Menschen, die sagen: Das ist mir etwas wert!

 


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Grau im Aquarell – warum ausgerechnet Grau Farben zum Leuchten bringt

Grau im Aquarell tutorial von Tine Klein

St.Gallen

Ich sitze auf der Straße, direkt unter dem Standbild eines Reformators, und male. Eigentlich bin ich ganz gut im Fluss.

Da tritt eine ältere Dame auf mich zu. Sie ist begeistert von meinem Bild – und offensichtlich auch von allem, was es rundherum noch zu entdecken gibt.

„Schauen Sie mal hier!

Und das da in der Schnitzerei ist mein Lieblingselefant. Und wenn Sie sich jetzt einmal umdrehen: Der Erker ist ganz wunderbar! Haben Sie eigentlich schon die zweite Kirchenspitze gesehen? Sie sind hier sicher im Urlaub.“

Ich lächle freundlich. Dann ist sie weg. Aber erst, nachdem sie mich total konfus gemacht hat!

Und ich schaue auf mein Bild.

Wo war ich gerade noch mal?

Ich habe keine Ahnung mehr, wie viele Kirchenspitzen dieser Turm eigentlich hat. Noch schlimmer: Wie war die Aufteilung? Wo saß was?

Das Gespräch könnt ihr heute noch wunderbar in meinen etwas krummen Kirchenspitzen sehen.

Was mir in diesem Moment den Hintern gerettet hat, war Grau.

Grau ist im Aquarell und ganz besonders beim spontanen Skizzieren eine wunderbar hilfreiche Farbe. Ist es dunkel genug, kann es bereits aufgetragene Farbe strukturieren und  manchen kleinen Fehler im Nu verschwinden lassen.

Doch das ist gar nicht seine wichtigste Aufgabe.

Grau schafft Ruhe. Es hält sich zurück und gibt damit den anderen Farben Raum.

Die kleine graue Maus lässt die anderen Farben leuchten.

Ausgerechnet Grau – wie Grau Farben schön macht!

Grau hat ein ausgesprochen schlechtes Image.

Grau ist Nebel. Grau ist November. Grau ist still und trüb, während Rot, Gelb und Türkis auf dem Tisch tanzen.

Aber genau das ist seine Aufgabe!

Dadurch, dass Grau eben nicht auf dem Tisch tanzt, können die anderen zeigen, wie schön und farbig sie sind.

Denn wer ein Bild malt, in dem alles gleich bunt und gleich wichtig ist, malt meistens ein ziemlich langweiliges Bild. Wenn alle Farben gleichzeitig rufen: „Schau mich an!“, weiß unser Auge irgendwann überhaupt nicht mehr, wohin es schauen soll.

Das ist eines der kleinen Paradoxe der Malerei:

Wir müssen Farbe zurücknehmen, damit Farbe stärker wirken kann.

Grau im Aquarell – ein wunderbarer Farbenschmeichler

Damit Grau diese Rolle übernehmen kann, muss es einiges leisten. Es muss sich anpassen, verbinden, beruhigen und manchmal einen Gegenpol bilden.

Ein gutes Grau ist deshalb keineswegs immer einfach nur grau.

Viele Aquarellmaler greifen zu einem fertigen Grau wie Payne’s Grey. Und daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Es schafft Dunkelheiten, beruhigt Flächen und bringt schnell Struktur ins Bild.

Doch damit verschenken wir Möglichkeiten.

Der Hersteller hat bereits etwas für uns angerührt. Ob genau dieses Grau zu unserem Bild und unseren Farben passt, ist mehr oder weniger Zufall.

Vielleicht braucht unser Bild einrötliches  Grau, das ein Blau unterstützt. Oder ein kühles, leicht bläuliches Grau, neben dem Orange plötzlich Feuer fängt. Vielleicht brauchen wir ein violettes, grünliches oder rötliches Grau.

Dies sieht man im Bild ganz genau: Neben den orangen Dächern wird das Grau blau.

Denn Grau ist nicht einfach die Abwesenheit von Farbe. Grau kann genau die Farbe enthalten, die unser Bild gerade braucht.

Wer sein Grau selbst mischt, bekommt ein Werkzeug, mit dem er die anderen Farben schöner machen kann.

Grau im Aquarell – warum fertiges Grau nur die zweite Wahl ist

Schon wenn man Grau aus nur zwei Farben mischt, zum Beispiel aus Ultramarinblau und gebranntem Siena, wird es lebendig.

Und plötzlich habe ich etwas Entscheidendes in der Hand: Ich kann mein Grau steuern.

Ich kann es dunkler oder heller, wärmer oder kühler machen. Mal darf das Blau stärker hervortreten, mal das Braun.

Grau ist also letztendlich gar nicht grau.

Schaut euch meinen Kirchturm an. Hier ist mein Grau so dunkel, dass es fast schon Dunkelblau oder Schwarz ist. Damit strukturiere ich den Turm – und ganz nebenbei kann ich meine etwas verunglückten Kirchenspitzen wieder in den Griff bekommen.

Doch das dunkle Grau kann noch mehr.

Das Grün der Kirchturmspitze im Hintergrund beginnt daneben stärker zu leuchten.

Der deutliche Hell-Dunkel-Kontrast trennt den Turm von seiner Umgebung und macht ihn zum Hingucker.

Gleichzeitig bekommt er durch das Spiel aus Licht und Schatten Volumen.

Mit Grau kann ich die Farbstimmung steuern

Nun schaut euch meine Schatten an. Sie sind keineswegs neutral grau. Viele davon sind fast violett. Schau ins Bild!

Aus Ultramarin und gebranntem Siena bekomme ich wunderbare Grautöne, aber einen solchen violetten Schatten kann ich damit kaum gezielt mischen.

Deshalb mische ich meine Grautöne und Schatten sehr gerne aus meinen Grundfarben.

In diesem Bild arbeite ich mit

Indischgelb, Permanent Rose – also einem kühlen, pinkfarbenen Rot – und meinem Ultramarin Blau.

Mit diesen drei Grundfarben kann ich mein Grau in fast jede Richtung schieben:

Mehr Blau – und es wird kühler. Mehr Permanent Rose – und es wandert Richtung Violett. Mehr Gelb – und es wird wärmer oder neutralisiert sich, je nachdem, welche Farbe vorher überwogen hat.

Ich mische nicht irgendein Grau. Ich mische genau das Grau, das mein Bild braucht.

Grau kann Farben zum Leuchten bringen

Mein Bild enthält sehr viele Grau- und Blautöne. Das birgt eine Gefahr: Es kann schnell kalt und trüb werden.

Deshalb gebe ich meinen Grautönen Farbe.

Der blaue Turm bekommt zum Beispiel einen warmen violetten Schimmer. Dadurch wirkt das Bildzentrum freundlicher und farbiger.

Und nun schaut auf das rötlich-gelbe Haus neben dem Kirchturm. Es ist ein Hingucker – aber nur, weil es in seiner Umgebung dieses große graue Haus gibt.

Gelb und Violett sind Komplementärfarben.

Stehen sie nebeneinander, steigern sie gegenseitig ihre Wirkung. Das Gelb erscheint leuchtender, weil das Violett ihm einen Gegenpol bietet.

Genau das ist die Macht der Komplementärfarben.

Mit Grau kann ich zeigen, was wichtig ist

Damit wird Grau zu einem Werkzeug für den gesamten Bildentwurf.

Die farbigeren Grautöne und stärkeren Kontraste konzentrieren sich dort, wo ich den Blick des Betrachters haben möchte. Unwichtige Bereiche dürfen ruhiger und neutraler werden. Im Bildzentrum dagegen lasse ich die Farben miteinander spielen.

Mit Grau schaffst du immer Kontraste.

Das heißt: Ist das Bild zu kühl, wird dein Grau warm. Ist eine Farbe nicht leuchtend genug, dann gibst du ihr Dunkelheit oder einen Komplementärkontrast.

Der Komplementärkontrast

Mische ich beispielsweise aus Blau und Permanent Rose einen violetten Ton und breche ihn anschließend mit einem Hauch meines Gelbs, entsteht ein wunderschönes violettes Grau. Dieses Grau stärkt das gelbliche Haus durch den Komplementärkontrast.

Komplementärkontraste sind Farben, die sich genau auf der anderen Seite des Farbkreises gegenüberliegen.

Dadurch liegen die Wellenlängen weit auseinander und lassen sich gegenseitig leuchten.

Gleichzeitig steckt in meinem gemischten Grau bereits dasselbe Gelb, das auch an anderer Stelle im Bild vorkommt.

Die Farben sind also Gegenspieler – und trotzdem miteinander verwandt.

Genau deshalb erzeugt das Mischen von Grautönen aus den Grundfarben eine enorme Farbharmonie. Die gleichen Farben tauchen immer wieder auf, nur in völlig unterschiedlichen Mischungsverhältnissen.

Und genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke von Grau: Ich kann damit Fehler ausbügeln, Formen strukturieren, Licht und Schatten erzeugen, Farben zum Leuchten bringen und den Blick des Betrachters lenken.

Die kleine graue Maus ist also gar nicht so unscheinbar.

Eigentlich führt sie im ganzen Bild Regie.

Ich wünsche dir eine gute Zeit und viel Spaß beim Malen!

Tine

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Weiterlesen bei Tine:

https://blog.herz-der-kunst.ch/grundfarben-simplify/

 

Grundfarben! Simplify!

 

 

Auf der Strasse malen!

Auf der Straße malen

Heute möchte ich euch darauf vorbereiten, auf der Straße zu malen.

Letzte Woche gab es keinen Blog. Ich war nämlich auf einer wunderbaren Urban-Sketching-Veranstaltung in St. Gallen. Dort treffen sich Menschen, die gemeinsam auf der Straße zeichnen und malen. Und ich kann euch nur sagen:

Dieses Gefühl ist großartig.

Auf der Straße waren sicherlich 300 Menschen, die malten und zeichneten. Gerade am Anfang gibt dir diese Masse unglaublich viel Schutz. Denn wenn es alle tun, ist es plötzlich nicht mehr peinlich. Du sitzt nicht mehr allein mit deinem Skizzenbuch irgendwo auf der Straße und denkst:

Um Gottes willen, jetzt gucken alle auf mich.

Denn ein Bild sieht, während du es malst, oft längst nicht so hübsch aus wie das fertige Bild.

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

St. Gallen in der Kugelgasse. Hier habe ich nicht nur gemalt, sondern auch jede Menge Menschen kennengelernt. Sie haben mich gelobt, ich habe ihr halbes Leben erfahren und ganz nebenbei noch eine kleine Stadtführung bekommen, weil mir jeder etwas über seine Stadt erzählte.

Die Leute sehen sofort:

Hier ist etwas los!

Denn an jeder Ecke sitzen Menschen, malen und zeichnen.

 

Ich wurde unglaublich oft angesprochen: „Was ist denn hier los? Warum malen hier alle? Und wie kann ich da mitmachen?“

Und genau dazu möchte ich heute auch dich animieren:

Mach mit!

Um Gottes willen, jetzt sehen alle, was ich hier mache!

Natürlich kostet es Überwindung, sich mit seinem Skizzenbuch auf die Straße zu setzen.

Aber genau das verliert sich erstaunlich schnell.

Schon klar: Die Leute, mit denen du zusammen zeichnest und malst, sind meistens sehr nett. Ihr habt gemeinsame Interessen, schaut gemeinsam auf die Welt und deshalb kommt man schnell miteinander ins Gespräch.

Aber was ist mit den anderen Leuten auf der Straße?

Denn sobald ihr auf der Straße malt, passiert etwas Merkwürdiges:

Wildfremde Menschen sprechen euch an.

Ganz oft bildet sich ein kleiner Menschenauflauf, wenn du beginnst zu zeichnen oder zu malen. Ich habe hier ein Bild aus Malaysia. Dieses Phänomen ist international – und auch in der Schweiz werden dich immer wieder Menschen ansprechen. Denn in St. Gallen hatte ich kaum einen Moment, in dem nicht jemand hinter mir stand, zuschaute oder fotografierte.

Kein anderer Beruf würde so behandelt wie ein Künstler auf der Straße. Niemand würde zu einem Koch, der gerade Würstchen brät, gehen und sagen:

„Also, ich kann auch Würstchen braten. Und ich kann Ihnen eines sagen: Ich würde ganz andere Würstchen nehmen!“

Bei einem Künstler ist das vollkommen normal.

„Also!!! Meine Tante Elli malt ganz wunderbar.“

Die Leute bleiben stehen, schauen dir über die Schulter und erzählen dir, dass sie auch malen, früher einmal gemalt haben. Und erstaunlich viele haben auch gleich einen guten Ratschlag für dich.

Durch Kunst erwacht der Mensch zum Leben

Warum behandeln dich wildfremde Menschen plötzlich so, als würden sie dich seit Jahren kennen?

Niemand würde zu einem Elektriker gehen, mit ihm über Drähte fachsimpeln und ihm dann noch Tipps geben, obwohl er überhaupt keine Ahnung von Elektrik hat.

Wenn du auf der Straße malst, wird deine Arbeit sichtbar. Die meisten Menschen üben ihre Berufe und Hobbys hinter verschlossenen Türen aus. Doch du sitzt mitten auf der Straße.

Das macht dich interessant.

Du wirst also zu einer Person des öffentlichen Lebens.

Die Menschen können beobachten, wie aus einem weißen Blatt langsam ein Bild entsteht. Und das löst etwas aus: Gefühle, Erinnerungen, Neugier und manchmal auch Widerspruch.

Viele Menschen sind es gar nicht mehr gewohnt, ihre Umgebung wirklich anzuschauen. Sie laufen täglich durch ihre Stadt und nehmen vieles kaum noch bewusst wahr.

Und du malst genau das Haus, an dem dieser Mensch vielleicht seit zwanzig Jahren jeden Morgen vorbeiläuft.

Plötzlich schaut er hin.

Mach dir ganz einfach klar: Du erweckst Menschen, die jahrelang blind durch ihre Stadt gelaufen sind, zum Leben.

Du wirst zum Augenöffner.

Deine Kunst erzeugt Sehen im Gehirn des Anderen.

Deshalb sind die Kommentare der Menschen auch nicht unbedingt ein Urteil über dein Bild. Oft erzählen sie viel mehr über den Kopf des anderen Menschen als über deine Kunst.

Von der großen Bewunderung

Wenn man auf der Straße malt, schämt man sich manchmal ein bisschen. Besonders in den Phasen, in denen das eigene Bild noch etwas schäbig aussieht.

Doch mach dir klar: Viele Menschen sind ein bisschen neidisch auf dich.

Du kannst besser malen und zeichnen als die allermeisten Menschen. Viele wären selbst gerne kreativ, haben aber nicht den Mut dazu.

Die Menschen suchen nicht die Verbindung zu dir, weil sie dein Bild doof finden.

Sie suchen die Verbindung zu dir, weil du sie anregst und inspirierst.

Die meisten Menschen würden selbst gerne malen. Einen Künstler anzusprechen erlaubt ihnen, für einen kleinen Moment an deiner wunderbaren Welt teilzuhaben.

Warum reden eigentlich alle mit Künstlern?

Wenn Menschen dir beim Malen zusehen, können sie für einen kleinen Moment durch deine Augen schauen.

Sie vergleichen: Was ist dort auf der Straße? Was sieht sie? Was sehe ich? Und was malt sie jetzt gerade?

Dadurch zeigst du ihnen eine Art des Sehens, die sie vielleicht selbst gar nicht haben.

Und genau das erklärt auch, warum sie so wenig Scheu haben, mit dir Kontakt aufzunehmen.

Wenn also ein wildfremder Mensch auf dich zukommt, dann mach dir eines klar:

Wahrscheinlich hat dieser Mensch schon eine ganze Weile hinter dir gestanden und mit dir zusammen gesehen.

Für dich ist er noch ein Fremder. Für ihn bist du es längst nicht mehr.

Vielleicht nervt es dich manchmal, dass dich so viele Menschen ansprechen. Aber denk daran:

Du bist eine Inspirationsquelle.

Vielleicht hat dieser Mensch jahrelang keinen Fremden auf der Straße angesprochen. Und nun hast du ihn so bewegt, dass er auf dich zugeht.

Mensch, Mann, Kind, Hund

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

Auf der Straße zu malen ist ein Bad in der Menge. Man lernt sie alle kennen: Mensch, Mann, Kind, Hund.

Tatsächlich bereichert mich das Reisen auch beim Malen und Zeichnen. Man erlebt etwas, man sieht Orte und Menschen, lernt andere Blickwinkel kennen – und das Leben ist alles andere als langweilig.

auf der strasse malen eine Tutorial von Tine Klein

 

Meistens sind diese Kontakte sehr positiv. Menschen sagen dir, wie wunderbar sie dein Bild finden. Sie fragen nach Malunterricht oder möchten ein Bild kaufen.

Und manchmal wird es etwas spooky.

Die Gefühle brechen aus den Menschen heraus und sie erzählen dir Dinge, über die sie sonst wahrscheinlich mit niemandem sprechen würden.

Irgendwer erzählt dir dann, dass das alles so wunderschön ist und dass Malen sicher auch bei den eigenen psychosomatischen Problemen und dem Brechdurchfall helfen würde.

Da weiß ich manchmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Aber mach dir klar: Du hast diesen Menschen bewegt.

Natürlich bist du trotzdem kein unbezahlter Psychotherapeut.

Wie hält man sich lästige Plagegeister vom Hals?

Du musst nicht mit jedem Menschen reden, der dich anspricht.

Freundlichkeit bedeutet nicht, dass du deine Konzentration verschenken musst.

Wenn du deine Ruhe möchtest, mach dich ein bisschen unzugänglich. Kopfhörer sind dafür großartig – selbst wenn gar keine Musik läuft.

Auch dein Blick ist wichtig. Sobald du Blickkontakt aufnimmst, öffnest du die Tür zum Gespräch. Malst du einfach weiter, verstehen die meisten Menschen, dass du konzentriert bist.

Und wenn nicht, darfst du freundlich sagen:

„Danke schön! Ich muss mich gerade sehr konzentrieren.“

Oder noch besser:

„Entschuldigung, ich muss jetzt wirklich weitermalen, sonst trocknet mir die Lasur weg.“

Das ist beim Aquarell nicht einmal gelogen.

Auch dein Sitzplatz entscheidet darüber, wie viel Publikum du bekommst. Direkt an der Fußgängerzone oder neben einem Café? Publikum garantiert. Etwas seitlich, mit dem Rücken zu einer Wand oder einem Baum? Viel mehr Ruhe – und niemand kann direkt hinter dir stehen.

Wenn du dagegen Lust auf Menschen hast, mach genau das Gegenteil. Sitz offen, schau hoch, lächle und rede mit ihnen.

Du entscheidest, wie weit du deine Tür öffnest.

Und lass dich von ungefragter Kritik nicht aus der Ruhe bringen. Der Mensch, der drei Minuten hinter dir gestanden hat und sagt: „Da fehlt aber noch ein Fenster“, ist nicht plötzlich dein Mallehrer geworden.

Lächle.

Und mal weiter.

Denn beim Malen auf der Straße gehört nicht nur Mut dazu, sich hinzusetzen. Man muss auch lernen, seine eigenen Grenzen freundlich zu verteidigen.

Und denk immer daran:

Du bist wunderbar!

Liebe Grüße
Tine

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Machst du mit?

Malen und Zeichnen ist eine Leidenschaft. Und noch viel mehr Spaß macht es, diese Leidenschaft gemeinsam mit anderen zu teilen.

 

Hier gebe ich dir nun einige Adressen, über die du Urban Sketchers in deiner Umgebung findest. Schau nach Treffen, Sketchwalks und größeren Events – und dann trau dich einfach und geh hin!

 

Und jetzt bist du dran!

Möchtest du selbst einmal so ein schönes Event besuchen und mit anderen auf der Straße malen und zeichnen?

Schweiz:
Urban Sketchers Switzerland

Deutschland:
Urban Sketchers in Deutschland – Übersicht der regionalen Gruppen

Weltweit:
Urban Sketchers – weltweite Chapter-Karte

Dort kannst du nach einer Gruppe in deiner Nähe suchen. Mittlerweile gibt es weltweit fast 600 offizielle Urban-Sketchers-Chapter.

Und das Schöne daran: Du musst nicht erst „gut genug“ sein. Die Treffen sind zum gemeinsamen Zeichnen da.

Also: Skizzenbuch einpacken und los!