Lockere Pinselstriche – Der nervöse Pinsel

Lockere Pinselstriche? Köpfchen statt Kampf!

Jeder von uns möchte locker skizzieren oder aquarellieren. Doch der lockere Pinselstrich hat einen kleinen Haken:

Wenn man einem Menschen sagt, er solle sich bitte locker machen, ist er augenblicklich verspannt.

Und beim Malen ist das nicht anders!

Lockerheit lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht durch Übung, Sicherheit und einen selbstverständlichen Umgang mit dem Pinsel.Doch bei manchen Menschen stellt sich diese Lockerheit trotz fleißiger Übung einfach nicht ein.

Denn wer immer wieder dieselben verkrampften Bewegungen wiederholt, wird darin zwar geübter – aber nicht unbedingt lockerer!

Lockere Pinselstriche? Flotte Skizzen

Hinter lockeren Pinselstrichen steckt mehr, als man denkt: Motorik, Wahrnehmung, Bewegungsfreiheit und eine gehörige Portion Psychologie.

Viele Menschen glauben, locker malen bedeute, die Kontrolle aufzugeben.

Und genau das macht ihnen Angst. Aus Sorge, unkontrollierte Striche aufs Papier zu bringen, verkrampfen sie.

Dabei entstehen lebendige Pinselstriche nicht durch absolute Kontrolle, sondern durch eine gut geschulte Motorik.

Mein Tipp: Lieber viele kleine, flotte Skizzen malen, als sich an einem perfekten Kunstwerk abzuarbeiten!

Eine flotte Skizze:

Flotte Aquarellskizze ohne Vorzeichnen – entstanden in Basel, gleich hinter dem Aldi.

Diese kleine, verlassene Straße liegt irgendwo im Niemandsland zwischen Schweiz und Frankreich.

Während ich dort gemütlich malte, tauchte plötzlich die Zollpolizei auf.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte mich ein Zollpolizist.

„Malen“, antwortete ich.

Er schaute sich um und meinte völlig verdutzt:

„Du liebe Güte, was will man denn hier malen?“

Doch flotte Skizzen allein reichen nicht. Denn wer immer wieder dieselben Fehler macht, übt sie sich nur noch gründlicher ein.

Spiegelneuronen nutzen – bei den Profis abgucken!

Unser Gehirn lernt nicht nur durch eigenes Tun, sondern auch durch Beobachten.

Dabei werden unter anderem Nervenzellen und Netzwerke aktiv, die sowohl auf eigene als auch auf beobachtete Bewegungen reagieren.

Hier spielen sogenannte Spiegelneuronen eine Rolle.

Es kann deshalb helfen, sich auf YouTube einen geschätzten Maler bei der Arbeit anzusehen. Aber bitte nicht nur auf das entstehende Bild schauen!

Beobachte ganz bewusst seine Pinselführung:

  • Wie spielerisch bewegt er den Pinsel?
  • Wie verändert er den Druck?
  • Malt er mit der Spitze oder mit der Seite?
  • Führt er den Pinsel in einer einzigen schwungvollen Bewegung, fast wie beim One-Line-Drawing?

Wichtig ist, die beobachteten Bewegungen anschließend selbst auszuprobieren.

Denn Zuschauen ist schön und gut, aber davon allein wird die eigene Pinselführung noch nicht besser!

Raus aus der Betriebsblindheit!

Die Pinselarbeit, also der Pinselduktus, wird nicht von allein locker und flüssig. Dazu gehört Übung. Doch genauso wichtig ist es, aus der eigenen Betriebsblindheit herauszukommen.

Ich merke es selbst: Sobald ich nicht mehr bewusst auf meine Pinselführung achte, falle ich in alte Bewegungsmuster zurück.

Und die sitzen verdammt tief!

Hier kann ein Pinselwechsel helfen.

Manche Pinsel reagieren extrem empfindlich auf jede Bewegung deiner Hand. Ihre Spitzen sind regelrecht nervös! Plötzlich musst du wieder bewusst darauf achten, was deine Hand eigentlich macht.

Mehr Druck? Der Strich wird dicker. Weniger Druck? Er wird feiner.

Genau solche Erfahrungen helfen deinem Gehirn, die Bewegungen besser abzustimmen und deine Pinselführung zu verfeinern.

Eine nervöse Pinselspitze ist wie eine Diva: hochsensibel, eigenwillig und immer für eine Überraschung gut!

Und damit beginnt ein zweiter wichtiger Lernprozess. Normalerweise bewerten wir alles, was nicht unseren Vorstellungen entspricht, sofort als Fehler.

Doch ein solcher Pinsel hat seinen eigenen Kopf. Seine Striche werden oft lebendiger und interessanter, aber längst nicht immer so, wie wir sie geplant haben.

Die eigentliche Übung besteht darin, kleine Abweichungen nicht als Fehler, sondern als Bereicherung zu betrachten.

Ein Pinsel, der macht, was er will!

Ich habe einen Pinsel, der beim Malen ziemlich genau das Gleiche bewirkt wie eine Kalligrafiefeder beim Zeichnen.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal genau, wie er heißt!

Schwertliner in Lockere Pnselstriche

 

Er sieht aus wie eine längere, spitzere Variante eines Schwertpinsels. Im Grunde ist es ein Flachpinsel, der in einer unglaublich feinen Spitze endet.

Dieser Pinsel reagiert geradezu gierig auf deine Bewegungen.

Mal zieht er hauchfeine Linien, mal dickere Striche und dann wieder richtig breite Pinselspuren. Drehst du ihn nur ein wenig, verändert sich sein Strich vollkommen.

So wirst du dir plötzlich deiner eigenen Pinselführung bewusst. Ein wunderbares Trainingsgerät!

Alle Pinsel, die dir ein Stück weit die Kontrolle nehmen, sind großartige Werkzeuge, um deine Hand-Auge-Koordination zu trainieren.

Denn plötzlich musst du Bewegungen bewusst steuern, die sonst ganz automatisch ablaufen.

Siehst du die beiden Pinsel ganz rechts? Diese Pinselform nennt man Schlägleiner. Ich benutze sie besonders gerne, wenn ich kleine Details male. Warum? Weil ich mit ihnen gar nicht genau kontrollieren kann, was ich tue! Und genau das ist der Trick. Die kleinen Details werden dadurch wunderbar locker. Gerade Fenster, die sonst schnell steif und akkurat aussehen, bekommen so eine herrlich lebendige, unregelmäßige Form. Ein bisschen Kontrollverlust tut unseren Aquarellen eben manchmal richtig gut!

In dieser kleinen Aquarellskizze, die übrigens ganz frei und ohne jede Vorzeichnung entstanden ist, siehst du, wie sich beim Zeichnen mit dem Pinsel eine ganz eigene Handschrift entwickelt. Ja, ich sage hier ganz bewusst „zeichnen“ und nicht „malen“! Denn vieles, was wir als persönliche Handschrift eines Malers wahrnehmen, hat in Wirklichkeit zeichnerische Elemente.

Mit dem kleinen Schwertpinsel erledige ich unglaublich viel zeichnerische Arbeit. Gerade weil ich ihn nicht hundertprozentig kontrollieren kann, entsteht ein wunderbar lockerer, lebendiger Pinselduktus. Die Linien werden unregelmäßiger, spontaner und bekommen dadurch ihren ganz eigenen Charakter.

Schwertliner in Lockere Pnselstriche

Für den eigenen Pinselduktus, also die persönliche Handschrift mit dem Pinsel, ist spielerisches Experimentieren enorm wichtig. Und genau dazu lädt dieses kleine Wunderding ein!

Leider sind solche Pinsel schwer zu finden. Meinen habe ich vor drei Jahren auf einem Malfestival bei einem No-Name-Anbieter gekauft. Und jetzt habe ich den Salat! Ich würde gerne mehrere nachbestellen, weiß aber nicht einmal mehr, woher er stammt.

Mehr Mut zu kleinen Entgleisungen!

Zum Schluss möchte ich euch noch einen Blogartikel über das Schraffieren empfehlen. Diesmal aber nicht, um eine neue Technik zu lernen, sondern um den Mut zu kleinen Entgleisungen zu entdecken!

Von Zeichnern können wir lernen, dass nicht jeder Strich ordentlich und korrekt sein muss.

Denn Ausdrucksstärke entsteht nicht durch absolute Kontrolle. Manchmal wird ein Bild gerade dann lebendig, wenn wir den Pinsel von der Leine lassen und zeigen, was in uns steckt.

Auch den kleinen Sturm, der manchmal in uns tobt!

Viele liebe Grüße und ganz viel Spaß beim Ausprobieren und Nachmachen!

Eure Tine

Hey, macht dir mein Blog Spaß? Wunderbar! Aber auch gute Ideen brauchen ein Budget. Leider bin ich kein Opernhaus mit Millionenförderung, sondern eine Künstlerin mit Pinseln, Papier und einer ziemlich großen Portion Begeisterung. Wenn du möchtest, dass es hier weiterhin kostenloses Gehirnfutter gibt, dann unterstütze meinen Blog mit einer kleinen Spende. Kultur lebt schließlich nicht von Luft und Liebe allein!

https://blog.herz-der-kunst.ch/schraffur-alles-andere-als-langweilig/

Schraffur! Alles andere als Langweilig!