Der Schlepper – ein Aquarellpinsel der aus der Reihe tanzt

Aquarellschlepper?

Aquarellschlepper – das sind die beiden Pinsel ganz rechts. Wie empfindlich sie sind, siehst du am Knick des dunklen Pinsels. Aber das macht nichts …

Schlepper machen lange, dünne Linien. Eigentlich ein bisschen langweilig. Zumindest tun sie das, wenn man mit ihnen umgehen kann.

Dieser Pinsel kann ganz andere Schweinereien!

Dieser Pinsel hat einen schlechten Einfluss auf meine Malerei. Zum Glück!

Was ist eigentlich ein Schlepper?

Der Schlepper ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Rundpinsel. Zumindest könnte man das glauben, wenn man ihn von vorne betrachtet.

Doch seine Haare sind absurd lang!

Oft ist das Haarbündel gerade einmal zwei bis drei Millimeter breit, dafür aber mehrere Zentimeter lang.

Ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis!

Man könnte meinen, jemand hätte einen Rundpinsel in die Länge gezogen und dabei vergessen, rechtzeitig aufzuhören.

Im Englischen wird er häufig als „Rigger“ bezeichnet.

Ursprünglich wurde dieser Pinsel unter anderem in der Marinemalerei eingesetzt, um die langen, dünnen Linien der Takelage von Segelschiffen zu malen. Daher auch der englische Name: Rigging bedeutet Takelage.

Seine besondere Konstruktion macht ihn zu einem Spezialisten für Linien. Die langen Haare speichern vergleichsweise viel verdünnte Farbe und geben sie über eine längere Strecke ab. So lassen sich feine, durchgehende Linien malen, ohne ständig neue Farbe aufnehmen zu müssen.

Das klingt zunächst einmal ziemlich brav. Schließlich braucht man ihn für Schiffstaue, Stromleitungen, Grashalme, Zweige und allerlei andere dünne Dinge.

Wer ihn wie einen gewöhnlichen Rundpinsel führen möchte, erlebt deshalb gelegentlich sein blaues Wunder.

Schlepper zweckentfremdet – jetzt wird’s richtig lustig!

Die langen Haare reagieren ausgesprochen empfindlich auf Druck, Bewegung und Richtungswechsel. Der Pinsel biegt sich, federt nach und macht manchmal Dinge, die man überhaupt nicht geplant hat.

Ein Pinsel, der sich nicht benehmen kann – wunderbar!

Der Schlepper macht lange Linien:

Aber schauen wir doch zuerst einmal mit der Handhabung an, so wie sie eigentlich gedacht ist.

Der Schlepper macht lange, dünne Linien. Er ist so ziemlich der einzige Pinsel, den ich kenne, mit dem man wunderbar Masten, Seile, Stromkabel und ähnliche Dinge malen kann.

Dafür legt man den Pinsel aufs Papier und schleppt ihn einfach dorthin, wo das Seil oder Kabel entlanglaufen soll. Ist der Pinsel nicht zu feucht und bewegt man ihn relativ zügig, funktioniert das wunderbar.

Der Trick dabei: Man zieht den Schlepper hinter der eigenen Hand her.

Würde man ihn vor sich herschieben, wären die Ergebnisse vermutlich grauenhaft!

Ist man im Umgang mit dem Schlepper noch nicht so ganz geübt, hilft zunächst nur ein kleines Stoßgebet:

„Lieber Schlepper, sei brav, lauf schön hinter meiner Hand her und mach bloß keine Kapriolen!“

Doch keine Sorge, nach ein bisschen Übung klappt das wunderbar. Und irgendwann braucht man auch keinen göttlichen Beistand mehr.

Der Schlepper kann auch ganz anders!

Ich benutze meinen Aquarellschlepper allerdings auf eine Art, für die er eigentlich gar nicht gedacht ist. Und dabei habe ich eine ganz besondere Vorliebe: Ich kaufe am liebsten Schlepper aus Kunsthaar.

Warum? Naturhaar ist ausgesprochen weich und kann enorme Mengen Wasser speichern. Wunderbar, wenn man anderthalb Meter lange Linien durchs Bild ziehen möchte. Nur habe ich das eher selten vor!

Ich brauche einen Pinsel, der sich wenigstens ein bisschen steuern lässt. Und hier kommt das Kunsthaar ins Spiel.

Es verleiht der langen Pinselspitze mehr Widerstand.

Bei gewöhnlichen Pinseln wäre eine starre, unnachgiebige Spitze eher ein Ärgernis. Doch bei einem Schlepper, dessen Haarbündel vielleicht gerade einmal einen Millimeter breit, dafür aber vier Zentimeter lang ist, kann etwas Steifigkeit ausgesprochen hilfreich sein.

Sie sorgt dafür, dass dieser langhaarige Geselle wenigstens ein Mindestmaß an Manieren entwickelt.

Denn ein bisschen Kontrolle möchte ich schließlich behalten!

Der Schlepper – die Kunst des gepflegten Kontrollverlusts!

Der Aquarellschlepper wurde eigentlich dafür gebaut, möglichst präzise, lange Linien zu ziehen. Lustigerweise kann man ihn aber auch für das genaue Gegenteil benutzen!

Statt mit der Spitze zu malen, lege ich den Schlepper auf die Seite und lasse ihn über das Papier hoppeln – und zwar seitlich!

Ich ziehe den Pinsel nicht mehr hinter meiner Hand her, sondern bewege ihn mit der gesamten Länge seines Haarbündels seitwärts über das Blatt. Dabei hinterlässt er gebrochene Striche, unregelmäßige Linien und Tupfen, die verblüffend natürlich aussehen.

Von präziser Kontrolle kann dabei keine Rede mehr sein. Und genau das ist der Trick!

In meiner kleinen Aquarellskizze kannst du diese Technik vom Vordergrund bis zum Waldrand entdecken. Selbst die grünen Flächen im Wald habe ich mit dem Schlepper angelegt. Die Farben fließen ineinander, doch dazwischen bleiben ganz zufällig kleine weiße Papierschnipsel stehen.

Das sind die Lichtlöcher, die wir auch in einem natürlichen Wald beobachten können.

Würde ich diese hellen Stellen bewusst aussparen, würde mein Gehirn unweigerlich anfangen, hübsche kleine Muster zu produzieren.

Denn wir Menschen lieben Ordnung und Wiederholungen. Leider sieht ein Wald nicht aus wie eine ordentlich gemusterte Tapete!

Mit dem Schlepper entstehen diese Lichtlöcher dagegen ganz unkontrolliert. Mal groß, mal klein, mal dicht beieinander, mal weit auseinander.

Mal feucht, mal trocken – der Schlepper kann beides!

Damit diese Technik funktioniert, muss man ein wenig mit der Wasser- und Farbmenge experimentieren. Denn je nachdem, wie feucht der Pinsel ist, zeigt er völlig unterschiedliche Talente.

Bewegt man ihn durch feuchte Farbflächen oder unmittelbar an ihnen entlang, zieht er die Farbe wunderbar mit. So entstehen lockere, lichtdurchflutete Flächen, in denen immer wieder kleine weiße Stellen aufblitzen.

Aquarell Schlepper, Tutorial Malerin: Tine Klein Motiv: Baselland

Benutzt man den Schlepper dagegen etwas trockener, entstehen ganz andere Strukturen. Schau dir einmal die Mitte des Vordergrundes vor dem Waldrand an. Dort siehst du eine Fläche, die fast ausschließlich aus winzigen Tupfen besteht.

Aquarellschlepper – stempeln statt schleppen!

Ich halte den mit Farbe oder Wasser gefüllten Schlepper waagerecht über das Papier und richte ihn genau dort aus, wo ich eine Linie, eine Betonung oder eine markante Kante haben möchte.

Und jetzt kommt der Trick: Ich bewege den Pinsel überhaupt nicht so, wie man es beim Malen gewohnt ist. Ich ziehe ihn weder hinter meiner Hand her, noch schiebe ich ihn vor mir her. Nein, ich stemple ihn ganz frech aufs Blatt!

Einmal – patsch!

Das siehst du an den hellen Baumstämmen, die sich direkt rechts hinter der Hütte vom dunklen Wald abheben.

Aquarell Schlepper Tutorial Tine Klein Baselland

Diese kleine Stempelbewegung hinterlässt erstaunlich präzise Linien. Ist der Schlepper mit Farbe gefüllt, entsteht eine dunkle Linie. Benutze ich dagegen klares Wasser, kann ich die darunterliegende Farbe anlösen und anschließend abheben. So entsteht eine helle Linie.

Ein und derselbe Pinsel, zwei völlig unterschiedliche Effekte! Und plötzlich eröffnen sich jede Menge Möglichkeiten, für die der Schlepper eigentlich gar nicht vorgesehen war.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Experimentieren, Stempeln und gepflegten Unfugmachen!

Liebe Grüße und bis nächste Woche!

Deine Tine

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