Die Sprühflasche im Aquarell – klein, günstig und erstaunlich wichtig

ei uns reißt das Thermometer inzwischen regelmäßig die 40-Grad-Marke. Für Aquarellmaler bedeutet das: Das Papier trocknet oft schneller, als man den Pinsel zur Hand nehmen kann. Gerade die Nass-in-Nass-Technik wird dadurch zu einer echten Herausforderung. Was im Frühjahr noch entspannt funktioniert hat, verlangt im Hochsommer plötzlich deutlich mehr Tempo.
Zum Glück gibt es ein Hilfsmittel, das kaum Platz in der Malkiste braucht und trotzdem einen enormen Unterschied macht: die Sprühflasche.
Sie kostet fast nichts, verlängert das ideale Feuchtigkeitsfenster und sorgt dafür, dass man auch an heißen Tagen ruhig und kontrolliert arbeiten kann. Für mich gehört sie deshalb inzwischen genauso selbstverständlich zur Grundausstattung wie Pinsel und Farben.
Statt gegen die Hitze anzumalen, lässt sich die Feuchtigkeit des Papiers gezielt steuern. Das macht das Malen nicht nur einfacher, sondern oft auch deutlich entspannter.
Warum überhaupt eine Sprühflasche?
Viele glauben, eine Nass-in-Nass-Technik bedeute einfach nur: möglichst viel Wasser. Das Gegenteil ist der Fall.
Entscheidend ist eine gleichmäßig feuchte Oberfläche.
Genau dabei hilft die Sprühflasche.
Mit einem feinen Sprühnebel lässt sich eine Lasur länger im idealen Feuchtigkeitsbereich halten. Man gewinnt Zeit, kann ruhiger arbeiten und muss nicht ständig neues Wasser mit dem Pinsel auftragen. Gerade große Himmel, Wasserflächen oder weiche Landschaften gelingen dadurch wesentlich entspannter.
Ein weiterer Vorteil: Das Papier trocknet gleichmäßiger.
Das Geheimnis eines gelungenen Aquarells ist oft erstaunlich unspektakulär:
ausreichend Wasser.
Nur wenn genügend Feuchtigkeit vorhanden ist, können sich die Pigmente gleichmäßig verteilen. Fehlt Wasser, wird das Aquarell schnell strichig, schmierig und verliert seine Leichtigkeit.

Text zum Bild: Die Woche war es im Gellertpark (Basel) ganz schön heiß – und trotzdem wunderschön.
Ich saß im strohtrockenen Gras und war fasziniert vom Kontrast zwischen dem verbrannten Gelb der Wiese, den violetten Schatten und den dunklen Bäumen. Die Halme wiegten sich sanft im Wind, während ich malte. Wegen der Hitze wurde es zwar nur ein schnelles Aquarell, aber manchmal haben gerade diese flüchtigen Momente ihren ganz eigenen Zauber. Liebe Grüße Tine
So wird richtig gesprüht
Die Sprühflasche ersetzt den Pinsel nicht – sie ergänzt ihn.
Gehalten wird sie etwa 30 bis 50 Zentimeter über dem Papier. Der Sprühstrahl sollte nicht direkt auf die Malfläche treffen – schließlich möchte man das Aquarell nicht erschießen. Lieber etwas in die Luft sprühen, sodass das Wasser wie ein feiner Nebel sanft auf das Papier rieselt.
Wichtig ist, nicht lange auf eine Stelle zu halten. Stattdessen wird mit einer fließenden Bewegung über das Papier gesprüht.
Lieber zwei bis drei feine Sprühstöße als einen kräftigen Wasserregen.
Das Ziel ist kein nasses Papier mit Tropfen, sondern ein gleichmäßiger, feiner Feuchtigkeitsfilm. Das Papier soll sanft glänzen, ohne dass sich Pfützen bilden.
Also: Weniger ist mehr! Dafür aber regelmäßig sprühen.
Ich beobachte dabei immer den Glanz der Oberfläche. Wird das Papier matt, genügt oft schon ein kurzer Sprühstoß, um wieder das ideale Zeitfenster für weiche Verläufe zu erreichen.
Die richtige Sprühflasche
Ist wirlich Problematisch!
Die meisten Sprühflaschen aus dem Kunstbedarf erzeugen einen relativ groben Wasserstrahl. Statt eines feinen Nebels landen einzelne große Tropfen auf dem Papier. Genau diese Tropfen können Blüten, Flecken oder harte Ränder verursachen.
Ich kann mir das nur so erklären, dass diese Sprühflaschen von Menschen eingekauft werden, die selbst kein Aquarell malen.
Sehr viel besser funktionieren Pumpzerstäuber aus der Haarpflege. Sie erzeugen einen unglaublich feinen, gleichmäßigen Nebel. Viele Friseure verwenden sie täglich, und genau diese Qualität macht sie auch für Aquarellmaler interessant.
Einfach das Badezimmer plündern!

Wer größere Formate malt, kann zu den großen, einstellbaren Sprühflaschen aus dem Friseurbedarf greifen. Dort lässt sich häufig regulieren, ob ein sehr feiner Nebel oder ein etwas kräftigerer Sprühstrahl gewünscht wird. Für großformatige Landschaften oder Himmel ist das äußerst praktisch.
Doch diese Sprühflaschen haben einen deutlichen Nachteil: Sie sind oft erstaunlich grob. Der Wasserstrahl ist so kräftig, dass man damit ein Aquarell regelrecht wegschießen kann.

Gezielt eingesetzt, kann dieser Effekt großartig aussehen.
Trifft der Wasserstrahl allerdings empfindliche Stellen im Aquarell, ist das Bild schnell ruiniert.
Zum Glück lässt sich der Sprühstrahl bei vielen Modellen einstellen. Mit etwas Übung und genügend Abstand zum Papier entsteht dennoch ein feiner Nebel, der sich gut zum Nachbefeuchten eignet.
Die kräftige Einstellung hat allerdings ebenfalls ihren Reiz. Mit ihr kann man große Tropfen über das Papier fliegen lassen. In farbigen Lasuren können dadurch lebendige, spannende Strukturen entstehen. Diese Technik verlangt allerdings etwas Erfahrung. Bis man sie beherrscht, wird man vermutlich die eine oder andere Lasur opfern müssen.
Ein bisschen Zerstörung inklusive.
Doch genau daraus lernt man, wie Wasser im Aquarell wirklich funktioniert.
Ein kleiner Helfer mit großer Wirkung
Die Sprühflasche gehört für mich inzwischen zur Grundausstattung – genau wie Pinsel und Farben.
Sie verlängert das Zeitfenster beim Nass-in-Nass-Malen, sorgt für gleichmäßig feuchte Lasuren und gibt deutlich mehr Kontrolle. Gerade Anfänger profitieren davon, weil sie nicht gegen die Uhr arbeiten müssen.
Und noch ein kleiner Sommertipp zum Schluss: Wenn die Temperaturen wieder Richtung 35 Grad klettern, bekommt bei mir nicht nur das Aquarell einen feinen Sprühnebel. Ich selbst liebe es, mir mit der Sprühflasche eine kleine Abkühlung zu verpassen! Malerin und Farbe arbeiten dann deutlich entspannter.
Aber es gibt noch einen dritten im Bunde, der sich über zwei oder drei kräftige Sprühstöße besonders freut: die Aquarellfarbe.
Bei großer Hitze trocknet sie im Farbkasten oder auf der Palette erstaunlich schnell aus. Dadurch wird es schwieriger, genügend Pigmente aufzunehmen. Die Farben wirken blasser, und leuchtende Lasuren gelingen nicht mehr so leicht.
Deshalb bekommen bei mir nicht nur das Papier, sondern auch der Farbkasten regelmäßig eine kleine Dusche.
Liebe Grüße
Tine

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