Lichtsituationen: Licht malen ist nicht Licht sehen!

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Licht malen – warum wir oft danebenliegen

 

Oft ist der Mensch gar nicht fähig, das Licht wirklich zu sehen.

Alle Farben bekommen von uns schon vorneweg einen Stempel. Braun ist halt dunkel!

Wir sind ein bisschen betriebsblind, was Farben betrifft.

Ist das wirklich so? Ist Braun immer dunkel? Manchmal beginnen auch dunkle Farben zu strahlen wie poliertes Glas!

Aufgefallen ist mir dies, als ich meine Freundin Priska zu Hause besuchte. Rundherum stehen hohe Berge. Auf der Rückfahrt begann das Alpenglühen, oder wie auch immer man das nennt. Ein merkwürdiger Effekt, bei dem die Berge anfangen zu leuchten, während rundherum alles schon dunkel ist.

Beim Malen merkt man: Für den Kopf ist es ganz schwer, ungewohnte Lichtsituationen zu zeigen. Man hat einfach Probleme, eine Farbe hell zu malen, die man für dunkel hält.

Und hier kommen wir zu einer Frage, die einfach jedes Bild besser macht:

Welche Bereiche liegen wirklich im Licht – und welche nur in unserer Vorstellung dunkel?

Die Lichtsituation ist der Schlüssel zum Licht!

Das ist reine Theorie – klingt trocken – ist aber der Schlüssel, um das Licht zu malen.

Es gibt einen Trick, den der Maler William B. Lawrence populär gemacht hat.

Dinge, die im Licht liegen, bleiben weiß!

Das macht tolle Effekte!

Licht Malen - Tutorial von Tine Klein Bild Basel Rochetürme

Die sieht man auch wunderbar im heutigen Licht. Zwar steht die Sonne tief, aber der Fluss reflektiert das Licht. Der Fluss liegt im Licht, also bleibt er weiß. Das Gleiche gilt für die Roche-Gebäude. Die eine Seite des Gebäudes reflektiert das Licht, also bleibt sie weiß. Weiß hat etwas Magisches, denn es ist die hellste Stelle im Bild und zieht deshalb immer das Auge an. Gerade die Kombination mit Dunkelheiten macht solche Lichtsituationen so malerisch.

Umgekehrt funktioniert es aber auch!

Oft setze ich im Aquarellbild sehr früh starke Dunkelheiten. Du wirst überrascht sein, wie hell dadurch die schon gemalten Farben werden!

Denn wenn wir im Bild nur die Dinge malen, die im Schatten liegen, passiert etwas Magisches:

Plötzlich wirkt alles hell und lichtdurchflutet, ohne dass wir „Licht“ anmalen mussten.

Merke: „Male den Schatten – das Licht kommt von allein.“

Lichtsituationen durchspielen

Malerei lebt davon, dass wir uns das Licht als Regisseur vorstellen: Wo fällt es hin, wie stark ist es, wie warm oder kühl? Wenn du dir vor dem ersten Pinselstrich kurz die Lichtquelle und ihre Wirkung klarmachst, malst du nicht einfach „irgendwie“ – du erzählst eine Geschichte.

Und das heißt, du arbeitest die Situation gut heraus. Und hier sind wir bei den Lichtsituationen.

Sich mit Lichtsituationen zu beschäftigen, hilft dir sehr, das Licht auch wirklich zu sehen. Andererseits ist es auch sehr hilfreich, wenn man das Licht schon oft beobachtet hat. Dann kann man es malen, selbst wenn es sich verändert hat oder gar nicht mehr zu sehen ist.

Lichtsituation 1: High Noon – das Licht kommt von oben

Mittagssonne ist gnadenlos. Keine weichen Schatten, keine Schmeichelei – alles, was oben liegt, wird ausgewaschen und blendend hell.

Die Dächer? Die malst du gar nicht.

Das ist der Trick von William B. Lawrence. Sie liegen voll im Licht, und manchmal ist es am besten, sie einfach als helle Fläche stehen zu lassen. So wirken sie, als wären sie in gleißendes Sonnenlicht getaucht.

Kleine Schatten liegen wie ein schmaler Saum direkt unter Balkonen, Fensterbrettern oder Vorsprüngen – fast so, als hätte jemand mit einem dunklen Fineliner eine dünne Linie gezogen.

Tipp: Konzentriere dich auf diese Mini-Schatten. Sie geben Halt, ohne das Licht zu zerstören.

Trau dich, dunkle und scharf begrenzte Schatten zu malen.

Merke: „High Noon ist Licht pur – lass es frei atmen.“

Lichtsituation 2: Seitenlicht – der Lieblingsfreund der Maler

Ich Male eigentlich fast immer Seitenlicht!

Wenn das Licht von der Seite kommt, ist alles einfacher. Plötzlich hast du einen klaren Rhythmus aus Licht und Schatten – wie in einer Tanzchoreografie. Eine Häuserwand strahlt, die nächste liegt im Halbschatten, dann folgt wieder ein Lichtstreifen. Das Auge liebt dieses Hin und Her.

Seitenlicht betont die Form. Die Perspektive springt dir quasi von allein ins Bild, weil die Kanten im Licht klar hervortreten und die im Schatten Tiefe bekommen.

Tipp: Übertreib den Unterschied ruhig ein bisschen.

Mach die Lichter heller, als sie in Wirklichkeit sind, und die Schatten ein kleines bisschen kühler oder dunkler.

Mini-Skizzen-Idee: Male nur den Schatten, so entstehen wie von Zauberhand Flächen, die du gar nicht gemalt hast. Siehe Kirchturm.

Lichtsituation 3: Gegenlicht – die Diva unter den Lichtsituationen

Gegenlicht ist wunderschön, aber launisch. Alles im Motiv wird dunkel, weil du direkt in die Lichtquelle schaust. Die Details verschwinden, die Farben verlieren ihre Kraft. Trotzdem kann das Bild leuchten – nur eben anders.

Tipp: Fokussiere dich auf die Silhouetten. Die Formen müssen richtig gut sein. Übertreibe Ecken und Kanten.

Lass Flächen bewusst dunkel, aber setze an den Kanten feine, helle Ränder, wo das Licht durchscheint. Beim Aquarell hilft es, winzige Partien Weißpapier stehen zu lassen. Belebe den Himmel. Wenn das Motiv im Schatten liegt, hat der Himmel eine besondere Bedeutung. Jetzt kannst du im Himmel mit Farbe richtig Gas geben.

Tine Klein Tutorial Wasser, Aquarell Bodensee Altnau

Tipp: Konzentriere dich auf leuchtende Lasuren für den Himmel. Setze das dunkle Motiv darauf und achte besonders darauf, eine interessante Silhouette zu kreieren.

Merke: „Im Gegenlicht erzählt der Himmel die Geschichte.“

Lichtsituationen malen – Licht an, Kopf an, Pinsel raus!

Egal, welche Lichtsituation du malst – der Trick ist immer derselbe: Schau bewusst hin, bevor du loslegst, und überleg dir, wie das Licht dein Motiv formt. Malen heißt nicht, die Dinge so zu zeigen, wie wir glauben, dass sie sind – sondern, wie das Licht sie im Moment verwandelt.

Viel Spaß beim Beobachten, Experimentieren und Malen – und vor allem beim Entdecken, wie hell ein Braun oder Grün plötzlich sein kann, wenn es nur im richtigen Licht steht.

Wenn du einmal in das heutige Bild schaust, wirst du sehen, dass es hier mehrere Lichtsituationen gleichzeitig gibt.

Licht Malen - Tutorial von Tine Klein Bild Basel Rochetürme

Im Hintergrund gibt es die für Basel so typische Gegenlichtsituation. Auch im Vordergrund findest du sie. An der Seite jedoch habe ich im Seitenlicht gemalt, weil ich dort nicht direkt ins Licht geschaut habe.

Liebe Grüße
Tine

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